My body, my business!

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Depriphase, Kritik

Ich habe lange darüber nachgedacht, ob und wie ich dieses Thema in Worte fassen soll. Über Monate hielt mich eine Schreibblockade davon ab, meine Gedanken hier festzuhalten und zu veröffentlichen. Das lag nicht etwa an einem Mangel an Themen, im Gegenteil. Es war eine Mischung aus zu vielen, zu privaten Sorgen und Nöten. Mir fehlte die Konzentration, um einen für mich zufriedenstellenden Text zu formulieren und die Kraft, möglichen daraus resultierenden Reaktionen und Diskussionen gegenüberzutreten. Stattdessen schrieb ich lieber gar nichts, was mein Bauchgefühl nicht besser machte – im Gegenteil.

Wenn einem etwas auf der Seele brennt und man es am liebsten in die Welt hinausschreien möchte, der Kopf dem Bauch jedoch trotzdem den Mund verbietet, kommt das einer emotionalen Selbstgeißelung gleich. Zum Glück habe ich liebe Menschen im „analogen“ Leben um mich, die mich auffingen und vor allem die das von mir Erzählte nicht werteten, sondern einfach nur zuhörten und „da waren“. Vielleicht werde ich auch darüber irgendwann mal bloggen, wenn ich alles ausreichend verarbeitet habe.

Dann gibt es aber auch Themen, die sind größer, globaler. Auch wenn der Auslöser für mich wieder mal im Privaten liegt, geht es mir doch um eine Sache, welche die gesamte westliche Gesellschaft betrifft: #bodyshaming, ein Hashtag, ein Schlagwort, das derzeit in allen (sozialen) Medien auftaucht. Der Fokus liegt dabei meist auf dem „fat shaming“, also dem Ausgrenzen dicker oder übergewichtiger Menschen und sogar Models – in der Öffentlichkeit meist als „Plus Size Models“ bezeichnet. So wurde beispielsweise ein Foto des Models Tess Holliday für eine Kampagne für ein positives Körpergefühl von Facebook nicht genehmigt, weil es nicht den „Gesundheits- und Fitnessrichtlinien“ des Unternehmens entsprach.

„Die sind doch nur neidisch!“

Vielleicht fragt ihr euch nun, was das mit mir zu tun hat. Letzten Montag hatte ich ein Erlebnis, dass mich so nachhaltig erschütterte, dass dabei Erinnerungen wach wurden, die ich wohl vor Jahren oder Jahrzehnten schon ganz tief in meinem Unterbewusstsein vergraben und fast vergessen hatte. 

Jeden Tag frühstücken wir gemeinsam auf der Arbeit. Dafür geht eine von uns drei Angestellten zum Tante-Emma-Laden um die Ecke, um frische Brötchen zu holen. An diesem Tag zog ich los. Es war ziemlich heiß. Dank einer lieben Freundin hatte ich kurz zuvor im Urlaub gerade wieder begonnen, Kleidung zu tragen, die ich sonst aus Scham nie trage. Ganz konkret empfinde ich meine dünnen Beine und meine Besenreiser in meinen Kniekehlen als sehr unschön und nicht „vorzeigbar“. Mein Kopf weiß und sagt sich immer wieder, dass das Quatsch ist, aber mein Herz fühlt etwas ganz anderes. Doch wie drastisch dieser Komplex bei mir ausgeprägt war, darüber war ich mir bis vor einer Woche noch gar nicht so bewusst. Ich hatte (wie auch schon übrigens die Woche zuvor) an besagtem Montag allen Mut zusammen genommen, meine paar Krümel Selbstbewusstsein zusammengekratzt, ordentlich noch mal aufpoliert und mir gesagt: „Scheiß auf gesellschaftliche Meinungen. Du weißt, dass du nur deshalb dünn bist, weil du einfach so bist. Das geht schlichtweg niemanden was an. Du kannst anziehen, was immer du möchtest. Es sind 30 Grad im Schatten da draußen und du hattest sogar den Mut, dir vor ein paar Tagen ein tolles, neues Outfit mit knappen Shorts zu kaufen, dass dir großartig steht. Also zieh das jetzt an und raus mit dir in den heißen Sommertag!“

„… wie Feuer auf meiner Haut.“

Ja, es war erst ein seltsames Gefühl. Ich spürte den ein oder anderen Blick auf meine langen, dünnen, nackten Beine auf dem Weg zur Werkstatt, aber ich versuchte dieses Mal nicht, diese Blicke als negativ zu empfinden, sondern es positiv zu sehen, sie sogar ein wenig zu genießen, mich einzigartig zu fühlen, und ich machte das für den Anfang sogar ziemlich gut.

Dann ging ich am späten Vormittag los, um Brötchen zu holen. Als ich im ansonsten leeren Laden an der Brötchen-SB-Theke ankam und alles zusammensuchte, was auf meinem Einkaufszettel stand, hörte ich plötzlich direkt neben mir zufällig die gerade begonnene Unterhaltung der beiden Angestellten. Sinngemäß war das ungefähr folgendes: „Bei diesem heißen Wetter, wenn die Leute kurze Hosen tragen, sieht man ja auch erst mal, was für eine Figur die haben. Und wie dünn manche sind!“ Da spürte ich sie wieder auf mir, die Blicke, und sie brannten dieses Mal wie Feuer auf meiner Haut.

Das Erlebte ist nun schon eine Woche her und trotzdem tut es noch weh. Als ich letzte Woche anderen davon erzählte, war eine der Reaktionen, die ich meine ganze Kindheit immer wieder hörte: „Die sind doch nur neidisch!“

Soll ich euch was verraten? Das macht es nicht besser. Nicht im Geringsten! Und auch die Vermutung, dass das bestimmt gar nicht böse, sondern als Kompliment gemeint war, entschuldigt nichts. Ruth Frobeen hätte es in ihrem unbedingt lesenswerten Blogpost nicht treffender formulieren können: „Es ist absolut nicht toll, wie Freiwild behandelt zu werden, das man mit dummen Sprüchen, überflüssigen Kommentaren und, noch schlimmer, gut gemeinten Ratschlägen bombardieren kann.“

„… nur ein neues Feindbild“

In einem Artikel der New York Times stieß ich erstmals auf den Begriff „body shaming shaming“. Man schämt sich nun für diejenigen, die sich für Dicke schämen. Auch wenn das Menschen mit einem Gewicht über der Norm (zum Glück!) erst einmal „gesellschaftlich entlastet“, im Endeffekt löst das nur weiteren Unmut und sogar regelrechten Hass (v.a. im Netz) aus. Das Ergebnis ist nur ein neues Feindbild. Nicht mehr „die Dicken“ sind die „Aussätzigen“, sondern „die Dünnen“. Da wird plötzlich, um dem Schlankheitswahn vermeintlich die Stirn zu bieten, von irgendwelchen „wichtigen“ Menschen propagiert, dass solche Maße nicht vorzeigbar seien und verboten werden sollten, und man macht nichts anderes, als erneut eine Gruppe Menschen über ihr Aussehen zu definieren, abzuwerten und sie auszugrenzen. Ganz nebenbei entzieht man damit auch noch den Konsumenten die Mündigkeit, selbst darüber entscheiden zu können, was sie als gesund und ästhetisch empfinden.

Doch die Wurzel dieses Problems findet man nicht im medialen Aufruhr. Das ist meines Erachtens wieder einmal nur die Spitze des Eisbergs. Die Ansicht, dass ein Körper nicht der Norm entspricht und sich das so nicht gehört – egal ob zu dünn, zu dick, zu groß, zu klein usw. – ist in allen Bereichen unseres Lebens zu finden, und das von klein auf. Schon im Mutterleib wird mit Statistiken verglichen, ob ein Baby sich „normal“ entwickelt, ob es in einem bestimmten Zeitraum genug, aber bitte auch nicht zu viel zunimmt. Ist es dann geboren, geht die Kontrolle beim Kinderarzt weiter. Versteht mich bitte nicht falsch, es gibt Entwicklungen, die einer Behandlung bedürfen, damit ein Kind (oder auch ein Jugendlicher oder Erwachsener) auf Dauer keinen Schaden nimmt. Ich habe aber auch mitbekommen, wie Ärzte bei wirklich quietschfidelen, kerngesunden Kindern Panik bei den Eltern schürten und diese schließlich in heller Aufregung waren, weil ihr Kind nicht zunahm. Das war damals bei mir selbst so und hat sich, wie ich im Freundeskreis mitbekommen habe, bis heute leider nicht wesentlich geändert.

„Menschen menschlich sein lassen“

Werden die Kinder größer und gehen zur Schule, kommen weitere Institutionen hinzu, die sich verantwortlich fühlen. Lehrer werfen Eltern die Behauptung an den Kopf, dass ihr Kind womöglich magersüchtig oder gar an Bulimie erkrankt sei, worauf die Eltern sich natürlich wahnsinnige Sorgen machen und ihr Kind zum Arzt schicken und durchchecken lassen, mit dem Ergebnis, dass nichts gefunden wird. Man könnte jetzt sagen: „Ist doch super! Dann kann man sich wenigsten erleichtert zurücklehnen.“ Aus Sicht der Eltern und Lehrer mag das zutreffen. Aus Sicht des Kindes bleibt jedoch das schale Gefühl, dass es trotzdem nicht „normal“, nicht richtig ist, so wie es ist. Wenn dann auch noch in der Schule jahrelang der Mobbingmob wütet und mit dem nicht normkonformen Aussehen ein gefundenes Fressen hat („Leuchtturm!“, „Bohnenstange!“), dann hinterlässt all das Spuren, die das Selbstwertgefühl nachhaltig beschädigen. Und wenn du endlich deine Peiniger los bist, siehst du plötzlich in den Medien vernichtende Urteile und Hasstiraden über Menschen, die so aussehen wie du selbst. Wie sie zu diesem Aussehen gekommen sind spielt dabei erst mal keine Rolle, denn jemand, der einen dünnen Menschen auf der Straße sieht, kann schlichtweg nicht wissen, ob man immer schon so aussah, penibelst auf jede Kalorie achtet oder sich „bewusst“ herunterhungert. Und eigentlich spielt das auch so gar keine Rolle, denn nicht das Kalorienzählen oder Herunterhungern ist das, worüber wir uns empören oder lustig machen sollten. Dass sich Menschen überhaupt dazu genötigt fühlen, weil sie ansonsten im Modelbusiness (und mittlerweile sogar manchmal auch in der freien Marktwirtschaft) keinen Job bekommen oder sich schlichtweg nicht gut und schön genug fühlen, das ist es, wogegen wir aufbegehren sollten. Nicht das Herunterhungern oder die Figur ist krank und pervertiert, sondern eine Gesellschaft, die mit dem Finger auf diejenigen zeigt, die nicht normkonform sind, eine Gesellschaft, die sich nur an Statistiken orientiert und nicht jeden Menschen als Individuum betrachtet. Auch hier bleibt zuletzt nur das Gefühl, nicht richtig zu sein. Dabei ist doch jeder Mensch genau dann richtig, wenn er_sie sich wohl im eigenen Körper fühlt, ganz gleich, wie dieser aussieht. Dafür muss man Menschen einfach nur menschlich sein lassen, sie nicht permanent bewerten, vergleichen, in Schubladen sortieren oder versuchen, sie zu „optimieren“. Toleranz und Respekt gewürzt mit einer Prise Empathie wären schon mal ein Anfang!

Liebe Grüße,

Eure Anne

 ♥ ♥ ♥


Glücklicherweise bin ich mit meiner großen, schlanken Statur nicht alleine auf dieser Welt. ;-) Ich habe in den letzten Tagen ganz besonders auf Twitter so viel Wärme und aufbauendes Feedback von allen Seiten bekommen. Was ich zuvor nicht mal ahnte: ich bin bei weitem nicht die Erste, die darüber gebloggt hat. Weil diese Texte im Netz noch immer relativ rar oder zumindest nicht leicht zu finden sind, lege ich hier nun eine Liste an. Wer ebenfalls noch einen Beitrag dazu leisten möchte, kann mir gerne einen Kommentar mit Link hinterlassen. Ich werde diese von Zeit zu Zeit aktualisieren.

8 Kommentare

  1. Liebe Anne!

    Fühle Dich ganz herzlich umarmt und gedrückt!

    Ich bewundere Deine Mut, all das niederzuschreiben. Bei dem, was ich via Twitter an dem besagten Tag mitbekommen habe, kann ich mir vorstellen, dass es nicht einfach für Dich war.

    Egal in welche Richtung so was geht, es ist in meinen Augen immer übergriffig und anmaßend.

    Der verlinkte Beitrag Endwinterwunder ist im Rahmen der Blogparade #ichbingutso entstanden. In diesem Zusammenhang habe ich einen Gastbeitrag auf dem Blog von Tafjora veröffentlicht: http://tafjora.blogspot.de/2014/09/das-dicke-kind-oder-ich-bin-gut-so-ein.html

    Auch, wenn der Beitrag bald zwei Jahre alt ist, ebbt die Kritik an meiner Maus nicht ab. Aktuell geht diese noch hauptsächlich über mich, aber es wird der Tag kommen, an dem sie selber damit konfrontiert wird. Ein Tag vor dem ich Angst habe. Für die einen mag meine Maus dick sein, für die andere ist es ok… für mich ist sie, so wie sie ist, perfekt <3 und ich hoffe, mir gelingt es, ihr dieses Selbstwertgefühl mit auf den Weg zu geben.

    In dem genannten Blogbeitrag zitiere ich den Sohn einer Blogger- und Twitterfreundin – @MaraKolumna vom Blog https://nochmehrzwillingsblog.wordpress.com/ .

    “Man darf nur Dinge vergleichen. Niemals Menschen. Das tut immer weh.“

    Kinder besitzen so viel mehr Weisheit und Empathie, als die meisten Erwachsenen. <3

    Liebe liebe Anne, Du bist gut so wie Du bist! Jeder der etwas anderes behauptet, verhält sich ekelhaft anmaßend. Maßt sich ein Urteil an, dass ihm nicht zusteht!

    Das, was ich von Dir kennenlernen durfte, ist alles wunderschön und liebevoll! Glaub an Dich! Ich tu's!

    Alles erdenklich Liebe
    Deine Tanja

    • Liebe Tanja, ich danke dir ganz, ganz herzlich für deine aufbauenden, Mut machenden Worte. Fühl dich herzlich gedrückt! <3

  2. Liebe Anne,

    ich finde es sehr wahr und richtig, was Du schreibst, denn bodyshaming ist immer scheiße und leider leben wir in einer Gesellschaft, die dafür vor allem bei Frauen eigentlich immer einen Anlass findet. Und sogar wenn eine Frau so schlank ist, dass sie als „Fernseh-geeignet“ gilt, muss sie immer noch damit rechnen, dass ihr irgendwer wegen irgendwas an ihrem Körper einen Spruch reindrückt. Das mäkelige Herumkritteln am Aussehen der weiblichen Stars ist davon wohl nur ein Symptom, wenn auch eines, dass von einer ziemlich kümmerlichen Form von Neid zeugt.

    Es hebe doch die Frau mal ihre Hand, die noch nie, nicht einen fiesen Spruch über ihre Figur oder eine andere Eigenschaft ihres Körpers hören musste. Ich persönlich habe so eine Frau noch nicht kennengelernt. Leider. Ich beobachte einige Männer in meiner Umgebung und bin wirklich immer wieder zutiefst erstaunt über diese umfassende Zufriedenheit, die sie mit ihrem Körper verbindet. Weil ich keine Frau kenne, der es so geht. Keine. Ich kenne zwar auch Männer, die mehr oder weniger intensiv mit ihrem Körper hadern, aber so eine selbstverständliche Zufriedenheit, wie ich sie andererseits bei doch nicht grade wenigen Männern erlebe: Nein, da kenn‘ ich leider keine einzige Frau.

    Offenbar kann eine Frau gar nicht so nah an das Schönheitsideal heranrücken, dass sie wirklich sicher ist. Ich denke, es ist wirklich der Kern der Diskriminierung von Frauen, dass sie derart in völlig unlösbare Widersprüche eingezwängt werden, dass es gar nicht möglich ist „richtig“ zu sein. Das geht nicht als Mutter, weil geht man arbeiten, ist das irgendwie nicht richtig (die armen Kinder), aber wenn man für die Kinder etwas oder ganz daheim bleibt, dann ist das ja auch falsch (die Rentenpunkte, Altersarmut: selbst schuld!). Und so geht es auch mit dem Frauenkörper: er ist der ständigen Disposition ausgesetzt, wir sind laufend Urteilen ausgesetzt, die ein positives Körpergefühl zur reinsten Sisyhosaufgabe machen.

    Ich bin in dieser Hinsicht also voll und ganz bei Dir, bei Deiner Kritik, wie wir Normalität einzwängen. Mein Kinderarzt erklärte mir mal, mein Kind habe eine seltene Version der Bauchmuskulatur, es sei eine „Normvariante“. Wir sind als Gesellschaft kaum noch in der Lage Körper so wahrzunehmen: Dass es nämlich eine Normalverteilung von Körperformen gibt, die unheimlich breitgefächert und vielfältig ist und alles darin ist normal, es tritt nur in unterschiedlicher Häufung auf. Stattdessen neigen wir dazu besonders die Randbereiche der Normalverteilung ohne guten Grund zu pathologisieren, was die außergewöhnlich Dünnen und Dicken betrifft und sich z.B. auch in absurden Regelungen zur Verbeamtung niederschlägt. Wo immer Bezug auf den wissenschaftlich äußerst fragwürdigen BMI genommen wird, ist Skepsis angebracht.

    Es gibt aber einen Punkt in Deinem Text, der macht mir etwas Bauchschmerzen:

    Zitat: „Das Ergebnis ist nur ein neues Feindbild. Nicht mehr „die Dicken“ sind die „Aussätzigen“, sondern „die Dünnen“.“

    Weitaus problematischer noch wird dieser Ansatz im verlinkten Artikel von Ruth Frobeen ausgeführt. Denn ich sehe einfach überhaupt nicht, wo die Stigmatisierung von Dicken abnimmt oder wo dieser Ort ist, den Frobeen beschreibt: „Über die dicke Mehrheit darf man übrigens nicht lästern, das könnte ihre Gefühle verletzen (!) und ist, nebenbei erwähnt, politisch nicht korrekt.“

    Die dicke Mehrheit? Wen meint sie damit? Ich weiß, Du hast den Artikel nicht geschrieben, aber Du hast ihn empfohlen. Die Gefühle von Dicken interessieren meiner Erfahrung nach jedenfalls eigentlich fast niemanden. Abgesehen von den Schutzräumen, die sich Dicke mühsam schaffen innerhalb der fat accaptance Bewegung, sehe ich hauptsächlich ganz alltäglich Hass, Beleidigungen, Abwertung von dicken und fetten Menschen.

    Überall und ständig wird propagiert, dass wir alle ganz dolle auf unsere Kalorienzufuhr achten müssen, denn die einfache Gleichung von mehr Kalorienzuführ = mehr Körperfett hält sich hartnäckig. Und sowieso klar ist, dass jedes Kilo zuviel ganz schön schlimm ist! Für die Optik, für die Gesundheit, für die Volkswirtschaft!

    Ich erlebe es als gesellschaftlich vollkommen akzeptiert Dicke zu massiv zu stigmatisieren, zu diskriminieren und mit furchtbarem Hass zu überschütten. Menschen aus der fat acceptance Bewegung erzählen immer wieder davon, was für schlimme Dinge sie erleben müssen, z.B. dies http://reizende-rundungen.blogspot.de/2012/11/schimpftirade-auf-offener-strae.html

    Es gibt Autobesitzer, die Aufkleber auf ihre Karren machen „No fat chicks allowed“.

    Es ist völlig normal vorauszusetzen, dass fette Menschen faul sind und keinen Sport machen, ihnen aber andererseits ständig zu suggerieren, dass es eine Zumutung ist, wenn sie beim Sport-Treiben in der Öffentlichkeit sichtbar werden.

    Es ist völlig normal für dicke Menschen, dass alle annehmen, dass sie selbstverständlich auf Diät sind. Verhaltensweisen, die bei dünnen Menschen als lebensgefährliche Magersucht und behandlungsbedürftig anerkannt sind, werden bei dicken Menschen sogar in Sendungen wie „the biggest looser“ öffentlich befördert. Dicke Menschen mit Magersucht können in vielen Gesundheitssystemen keine Behandlung erfahren, weil Untergewicht Voraussetzung ist. Man kann aber auch an Unterernährung sterben, wenn man „Übergewicht“ hat.

    Es gibt hunderttausende Erfahrungsberichte von dicken Menschen, die davon erzählen, wie sie keine adäquate medizinische Behandlung bekommen haben, weil ihnen von Ärzten ständig nur gesagt wird, dass sie halt abnehmen müssen. Da wird Krebs nicht diagnostiziert und Knochenbrüche werden nicht behandelt. Man muss es leider so krass sagen: Es sterben täglich Menschen, weil die Vorurteile gegenüber fetten Menschen einer angemessenen medizinischen Behandlung im Weg stehen.

    Vielleicht hast Du es gar nicht so gemeint, als Du schriebst, dass die Dicken nicht mehr die Aussätzigen seien. Und ich bin immer noch nicht so ganz sicher, was ich von dem empfohlenen Artikel von Ruth Frobeen halten soll, auch weil ich nicht recht nachvollziehen kann, was genau das Problem an den „Wonneröllchen“ ist, die „kluge Frauen“ sich „schönreden“.

    Was ich meine: Wir Menschen, die wir von der sogenannten „fat hate“ nicht betroffen sind, müssen sehr vorsichtig sein, was wir über dicke und fette Menschen sagen. Jede Diskriminierungserfahrung ist individuell, aber die strukturellen Bedingungen für sehr Dicke und sehr Dünne sind nun einmal ganz unterschiedlich und ich finde es wichtig, das anzuerkennen.

    Es würde mich interessieren, was Du dazu denkst.

    Viele Grüße

    Esther

    • Liebe Esther,

      vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar und deine Fragen, die ich hiermit gern beantworten möchte.

      Vielleicht war der Satz „Nicht mehr „die Dicken“ sind die „Aussätzigen“, sondern „die Dünnen“.“ etwas überspitzt formuliert. Tut mir Leid, wenn das bei dir falsch ankam. Meine Gedanken dahinter: Auch Hater haben nur begrenzt Zeit am Tag zur Verfügung, um ihren Hass an anderen auszulassen. Wenn „Dicke bashen“ gerade „trendet“ (ja, so traurig ist diese Welt leider – unfassbar! :-/), so wie das über Jahre und Jahrzehnte auch im „analogen“ Leben der Fall war (und auch noch ist), dann konzentriert sich eine breite Masse eben erst mal darauf. Doch wie du schon sagtest, lassen sich die Betroffenen das mittlerweile nicht mehr einfach gefallen. Sie wehren sich, schließen sich zusammen und kämpfen gemeinsam für eine tolerante Gesellschaft. So weit sind „Dünne“ leider noch nicht. Sie haben keine „Lobby“. Die einzige Lobby wäre wohl nur ein knallhartes Modelbusiness, aber das ist es ja gerade nicht, was diejenigen befürworten, die gar nichts zu ihrer Figur können. Ganz abgesehen davon wage ich mal zu behaupten (ich habe leider keine Zahlen parat, die das belegen), dass Untergewichtige im Verhältnis zu Übergewichtigen auch deutlich in der Unterzahl sind. Und was mir am meisten aufstößt, ist die Überlegung derjenigen, die ein Verbot von Fotos von Magermodels durchdrücken wollen (sie Link auf den Guardian-Artikel). Die Begründung, dass der „Durchschnittsmensch“ dadurch weniger dem Druck ausgesetzt ist, ebenfalls „dünn werden zu müssen“ (als ob Menschen nicht für sich selbst entscheiden könnten) ist m.M. einfach nur Bullshit – eben die Schaffung eines neuen Feindbildes. Dünne sind dadurch ein perfektes Ziel für gesellschaftliche Angriffe, gewissermaßen auf dem Silbertablett serviert. Ja, diese Maßnahme würde erst mal augenscheinlich dem Schlankheitswahn entgegenwirken, aber das ist einfach so dermaßen kurzfristig gedacht – da fehlen mir echt die Worte.

      Was ich außerdem persönlich (und das ist wirklich nur meine eigene Erfahrung) festgestellt und erlebt habe: die Schmerzgrenze für Witze und Kommentare über Dünne liegt gerade auch im Freundes-/Bekannten- und Verwandtenkreis weit niedriger, als das bei Dicken der Fall ist. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass irgend jemand in meinem privaten Umfeld mal einen Witz über eine mit anwesende! dicke Person gemacht hätte. „Scherzhafte“ Kommentare über meine Figur oder mein Essverhalten fallen hingegen immer wieder. Wenn man auch nur ein Fünkchen Anstand besitzt, macht man eben keine Witze über Dicke. Das „gehört sich nicht“. Wenn ich dann nach Kommentaren über mich sage, dass ich das nicht ok finde, wird es als „Ach, war doch nur als Kompliment gemeint.“ abgetan.

      Wie du selbst schon schriebst: „Wir Menschen, die wir von der sogenannten „fat hate“ nicht betroffen sind, müssen sehr vorsichtig sein, was wir über dicke und fette Menschen sagen.“ Genau diese Haltung empfinde ich auch bei Menschen, die mich privat kennen (und übrigens auch in einem sehr großen Teil der Gesellschaft). Dieselbe Haltung empfinde ich bei vielen meiner Bekannten leider nicht gegenüber Dünnen. Bei „uns“ wird davon ausgegangen, dass wir doch sowieso auch „stolz“ auf unsere Figur sind. Es kommt ihnen gar nicht in den Sinn, dass auch dieses Anderssein als unangenehm oder gar schlimm empfunden werden könnte, und sie verhalten sich alles andere als vorsichtig. Und ich glaube, dass ist es auch, was Ruth Frobeen so aufstößt. Es ging ihr definitiv nicht darum, Dicke niederzumachen, im Gegenteil! Auch sie ist – genau wie ich – für ein tolerantes, respektvolles Miteinander, bei der Eigenarten kein Problem sondern eine Bereicherung für die Gesellschaft sind. Klein, groß, dick, dünn, mit oder ohne Behinderung, queer oder hetero… ist doch alles völlig unwichtig, solange Menschen „sie selbst“ sein dürfen – wie auch immer das aussieht. Es lebe die Vielfalt! <3

      Liebe Grüße, Anne

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