Band der Liebe

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Depriphase, Leben mit Kindern

Morgen werde ich meine bereits dritte Arbeitswoche hinter mir haben und ich merke mittlerweile, dass es doch schwerer ist, als ich es mir vorgestellt hatte. Die Wochenenden und Zeit mit den Kindern im Allgemeinen sind zum kostbarsten Gut überhaupt geworden. Vor ein paar Wochen hatte ich dagegen im Vergleich noch Zeit im Überfluss. Zeit, mit den Kids am Nachmittag zu spielen, Zeit, alltägliche Aufgaben im Haus und Haushalt zu erledigen, Zeit, etwas nur für mich zu machen. Doch ich hatte auch viel Zeit, der Decke dabei zuzusehen, wie sie mir langsam, aber stetig auf den Kopf fiel.

„Bindung ist das gefühlsgetragene Band, das eine Person zu einer anderen spezifischen Person anknüpft und das sie über Raum und Zeit miteinander verbindet.“ John Bowlby

Eigentlich arbeite ich auf Grund meiner Elternzeit bisher nur 30 Stunden an vier Tagen in der Woche. Am Freitag musste ich jedoch einen Tag reinarbeiten, da ich morgen früher Feierabend mache, um an Papa Pelz‘ Stelle die Abholung der Kinder von der Kita zu übernehmen. Was mich heute ungeheuer schmerzt, so sehr, dass ich bereits mehrfach, auch während des Schreibens dieses Posts Rotz und Wasser geheult habe, ist die Aussicht darauf, dass ich morgen nur den Kleinen Ajan abholen und auch sonst das Fleischbärchen das komplette Wochenende nicht sehen werde, da sie zum ersten Mal alleine mit meinen Schwiegereltern zu ihrer Tante nach Hessen fährt, die ihren Geburtstag feiert. Ich gönne meiner Tochter, meinen Schwiegereltern, meiner Schwägerin und ihrer Familie wirklich von Herzen, dass sie auch Zeit mit- und füreinander haben, aber es tut gerade so verdammt weh, weil ich sie effektiv dadurch zwei Wochen nicht wirklich gesehen haben und sehen werde. Wenn man es genau nimmt, sogar drei Wochen, da ich das letzte Wochenende unglaublich viel Zeit damit verbracht habe, erfolglos verschollenes Werkzeug für die Arbeit zu suchen. :..-(

Der Takt macht die Musik

Unter der Woche bin ich ja für die „Morgenschicht“ zuständig, also das Aufstehen mit den Kindern, Anziehen, fertig machen, frühstücken und zur Kita bringen. Obwohl ich schon extra ein kleines Frühstück mit eingeplant habe, um wenigstens ein bisschen Ruhe in den Ablauf zu bringen (obwohl sie kurz darauf im Kindergarten noch einmal frühstücken), ist der Morgen sehr durchgetaktet und es gibt kaum zeitlichen Spielraum, da ich anschließend wie der Blitz von der Kita zur Bahn rasen muss. Diesen Zeitdruck habe ich die ganze Zeit im Nacken. Das hat für meinen Geschmack leider sehr wenig mit dem zu tun, was man sich unter entspanntem Familienleben vorstellt.

Mein Anker

Zum Glück habe ich vor anderthalb Wochen unser Familienbett gebaut. Das ist wirklich gerade ein Segen und die Rettung. Würden die Kinder im Kinderzimmer schlafen und hätte ich nicht einmal nachts eine räumliche Nähe, ich wäre glaube ich schon mit meinen Nerven am Ende. Wenn ich dem Seufzen und dem gleichmäßigen Atmen des Kleinen Ajan lausche, wenn das Fleischbärchen früh morgens durch’s Bett zu mir rüber robbt und sich an mich kuschelt und im Hintergrund der Papa Pelz leise schnarcht, dann schlägt mein Herz ganz, ganz heftig. Dann fühle ich mich geborgen und wohl und bin genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort mit den Menschen um mich, die ich innigst liebe.

Betäubt

In der ersten Arbeitswoche war alles noch nicht so wild. Ich war so sehr mit den neuen Herausforderungen beschäftigt, dass ich kaum Zeit hatte, über die Gesamtsituation nachzudenken, oder gar wirklich intensiv in mich hineinzuhorchen. In der zweite Woche war das schon etwas anders, aber auch da fiel es mir noch nicht so auf. Erst am letzten Wochenende sickerte es so langsam durch, was mitunter auch dadurch kam, dass ich wie schon erwähnt, wahnsinnig viel Zeit mit dem Aufräumen statt mit meinen Kindern verbrachte.

Wendepunkt

Warum ich das dann trotz allem auf mich nehme, obwohl es schmerzt? Ja, es tut weh, im Moment sogar sehr, aber diese nun schwierige Zeit der Umstellung und Gewöhnung an die neue Situation hat mir bisher vor allem eines gezeigt: ich liebe meine Kinder von ganzem Herzen! Würde ich das nicht tun, wäre dieser Schmerz schlichtweg nicht da (oder aber, es würde dabei etwas sehr, sehr unglücklich laufen). Die Zweifel, die an und in mir sehr lange v.a. in Bezug auf das Fleischbärchen nagten, ob ich sie nach den wirklich schwierigen ersten Monaten im Hinterkopf mit einer traumatischen Geburt und der Zeit als Schreibaby, „genug“ liebte – v.a. im Vergleich zu ihrem kleinen, völlig unkomplizierten Bruder – diese Zweifel lösten sich heute zum ersten Mal vollständig in Luft auf.

Als ich im Buch „Familie – Eine Gebrauchsanweisung – Was Eltern und Kinder zusammenhält“ von Reinhard Winter und Claudia Stahl (Beltz Verlag) folgendes las, brachen bei mir schon innerlich alle Dämme und sie wären auch äußerlich bereits gebrochen, hätte ich mich zum Zeitpunkt des Lesens nicht auf dem Heimweg in der S-Bahn befunden:

Nach seiner Kindheit befragt, erzählt er (Ralf, 40 Jahre) wie er als Säugling, wenn er nachts geschrien hat, in seinem Stubenwagen hinaus auf den Flur geschoben wurde, um dort so lange zu schreien, bis er vor Erschöpfung einschlief. (…) In den 60er-Jahren wehte ein anderer Zeitgeist, Kinder sollten nicht verweichlicht werden. Seine Eltern konnten seine Bedürfnisse nicht passend beantworten. Seit Ralf diesen Zusammenhang versteht, entwickelt er Mitgefühl mit sich selbst, mit dem Baby, das solche Ängsten ausgesetzt war.

Eltern, deren eigene Bedürfnisse nach Bindung nicht angemessen befriedigt wurden, haben eine geringe Chance, ihre psychische Integrität aufzubauen; für sie ist es viel schwerer, aus ihrer kindlichen Ichbezogenheit hinauszuwachsen. Eben diese Ichbezogenheit verhindert es, den anderen wirklich sehen zu können. Hier ist die Liebe eine große Chance. Denn aus der Liebe zum Kind erwächst das Bedürfnis, für sein Wohl zu sorgen. Insofern ist die Kraft der Liebe auch in der Lage, biografische Begrenzungen zu überwinden.“

Auch, wenn dieser Post äußerlich vielleicht ganz „normal“ wirken mag, in meinem Herzen und in meinem Kopf geht es gerade drunter und drüber. Ich habe schon wieder einen ganzen Abend daran gesessen, meine Gedanken zu strukturieren – und trotzdem: da sind noch so viele wichtige Gedankenfetzen, die sich nicht greifen lassen und mir wie Sand durch die Finger rinnen. Da sind so viele Emotionen, die ich nicht in Worte fassen kann.

Genauso, wie die neue berufliche Situation gerade alles andere als leicht für mich ist, wird vermutlich auch der Abschied morgen kein Zuckerschlecken werden. Aber, ich versuche, das Positive, nämlich die Chancen für das Fleischbärchen darin zu sehen, eigene, neue Erfahrungen zu sammeln. Und das Allerwichtigste: ich habe Vertrauen. Vertrauen in die Menschen, denen ich ein Stück meines Herzens mitgebe. Vertrauen in das Band der Liebe zwischen dem Fleischbärchen und mir. Vertrauen in sie selbst, meine geliebte Tochter.

Liebe Grüße,

Eure Anne

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