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Arbeit, Leben mit Kindern, Zeit für mich

Nun ging es doch schneller als wir es für möglich gehalten haben. Eigentlich wollte ich mit dem Kleinen Alan ganze zwei Jahre Elternzeit zuhause verbringen. Doch dann ergab es sich ziemlich kurzfristig, dass ein Krippenplatz in Fleischbärchens Krippe frei wurde, und da der Kleine Alan sowieso schon am liebsten jeden Morgen da geblieben wäre, wenn ich seine Schwester verabschiedete und ich eine Zusage von meinen Arbeitgebern bekam, dass für mich immer noch ein Platz frei und genug Arbeit da sei, sagten wir spontan “Ja”. Nach dreieinhalb Jahren ist es seit dieser Woche also so weit: ich darf mich offiziell “working mum” nennen. ;-)

Die liebe Bella vom Blog “Freiraumkind” fragte heute auf Twitter: “Seid ihr glücklich?”. Ich musste tatsächlich einen Moment überlegen, nur um dann festzustellen, dass ich diese Frage gerade gar nicht beantworten kann. Seit Montag ist nun mal alles anders. Schon vor ein paar Wochen fingen wir zwar an, die Kinder insofern auf die neue Situation vorzubereiten, dass Papa sie von Montag bis Donnerstag und ich immer von Freitag bis Sonntag abends ins Bett brachte, aber die Sache war noch überhaupt nicht greifbar und auch ziemlich unrealistisch, weil ich ja trotzdem jeden Abend zuhause war. Nun ist der Plan Realität geworden. Tatsächlich bringt der Papa Pelz die Kinder die ersten vier Wochentage und ich am Freitag und am Wochenende in Bett, da ich schlichtweg unter der Woche immer erst um frühestens 19 Uhr zuhause bin. Dafür verbringe ich dann, sobald der Kleine Ajan sich in der Kita eingelebt hat – den Morgen mit den Kids, ziehe sie an (besser gesagt, ziehe den Kleinen Ajan an und helfe dem Fleischbärchen eventuell noch mit dem Shirt, denn den Rest kann und will sie mittlerweile selber machen ;-)), frühstücke eine Kleinigkeit mit ihnen und fahre die beiden anschließend zur Kita, um danach zur Bahn zu hetzen und zur Arbeit zu fahren.

That’s what I do (almost) every day

Aber was arbeite ich eigentlich, wird sich der/die ein_e oder andere vielleicht fragen. Ich bin gelernte Geigenbauerin und arbeite in einer Werkstatt für Streichinstrumente in Hamburg. Mein Aufgabenbereich konzentriert sich jetzt nach der Babypause hauptsächlich auf Wartung, Verleih und Restaurierung von neuen und teils auch sehr alten Instrumenten. Vor meiner Pause widmete ich mich auch noch der Wartung und Reparatur von Bögen. Doch da diese Aufgabe natürlich auch während meiner Abwesenheit erledigt werden musste, macht das nun eine meine beiden Kolleginnen. Mit der neuen Aufgabe, die eigentlich nicht neu ist, weil ich das auch vorher schon gemacht habe, nur eben nicht ausschließlich, bin ich sehr zufrieden.

Rückblick

Schon während meiner Ausbildung an der Staatlichen Berufsfachschule für Musikinstrumentenbau in Mittenwald war ich von Reparaturen und der Restaurierung alter Instrumente begeistert. Wenn ein alter, womöglich kaputter Dachbodenfund nach vielen Stunden verschiedenster Arbeiten in neuem Glanz erstrahlt und zum ersten Mal wieder erklingt, ist das für mich ein wirklich beflügelndes Gefühl. Das macht mich durch und durch glücklich.

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Ja, auch der Neubau eines Instruments hat seinen Reiz. Es mag nicht nur für einen Laien wie Zauberei wirken, wenn aus ein paar Stücken rohem Holz eine Geige entsteht, auch für mich ist das noch magisch und irgendwie ein kleines Wunder. :-) Aber vielleicht bin ich da in Sachen Geigenbau auch eine  Nostalgikern. Die Aura, die so manches wertvolle Instrument aus vergangenen Zeiten ausstrahlt, ist einfach unvergleichlich, und ich kriege schon beim Schreiben regelrecht Gänsehaut, wenn ich nur an eine alte Nicolo Amati oder eine “del Gesù” denke.

Gemischte Gefühle

Was war ich am vergangenen Sonntag Abend aufgeregt. Eigentlich wollte ich früh ins Bett gehen (was für unsere Verhältnisse etwa 10 Uhr bedeutet hätte ;-)), doch irgendwie musste ich mich von meiner Nervosität ablenken. Also beschloss ich bereits am Nachmittag, eine neue Arbeitsunterlage für die Werkbank an meinem Arbeitsplatz zu nähen, da meine alte noch aus Ausbildungszeiten und leider völlig durchlöchert war von den vielen Malen, bei denen ich mit dem rasierklingenscharfen Werkzeug leider nicht (nur) das Werkstück getroffen hatte. ;-) Und wie das so ist, wenn ich etwas anfange, dass mir wirklich, richtig Spaß macht, kann ich nicht oder nur sehr schwer aufhören, bevor es fertig ist. Die Decke wurde fertig, und ich war es anschließend als ich um kurz nach 12 endlich ins Bett fiel auch, konnte aber trotzdem bis kurz vor eins nicht einschlafen.

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Als am nächsten Morgen der Wecker klingelte, war die Müdigkeit zwar groß, aber auf Grund der erneut auflodernden Aufregung und Dank einer heißen Dusche und dem morgendlichen Trubel mit den Kindern schnell verflogen. Apropos Kinder…

Auch der Kleine Ajan hatte an diesem Montag morgen einen Neustart vor sich, worüber der Papa Pelz die letzten fünf Tage ausführlich und sogar täglich gebloggt hat. Seine ersten Kitastunden standen ihm bevor, aber davon wusste er ja im Gegensatz zu mir noch nichts. Meine Aufregung diesbezüglich hielt sich zum Glück in Grenzen, da ich einfach zu sehr mit mir selbst beschäftigt war und einfach nur funktionierte. Etwas Sorgen bereitete mir allerdings das Fleischbärchen. Sie hatte pünktlich am Sonntag schon wieder über 40 Grad hohes Fieber bekommen. Zum Glück konnten meine Schwiegereltern gleich einspringen und sie die zwei, drei Stunden betreuen, weswegen sie auch bereits um kurz vor 7 bei uns mit frischen Brötchen auf der Matte standen. Zum großartig Gedanken machen, hatte ich nun kaum noch Zeit, denn der Frühstückstisch musste gedeckt und schnell Essen gefasst werden, bevor der Kleine Ajan angezogen und dieses Mal ohne seine Schwester in den Fahrradanhänger gesetzt wurde. Beim Abschiedskuss auf Fleischbärchens Stirn zog es dann doch noch ganz kurz und heftig im Herzen. Und “husch”, waren der Papa Pelz und ich schon mit den Fahrrädern und dem Kleine Ajan im Gepäck auf dem Weg Richtung S-Bahn-Station, wo ich schließlich auch den beiden zum Abschied zuwinkte, mein Rad anschloss und zum Bahnsteig hetzte. Dann war sie wieder da, die Aufregung.

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Als ich schließlich um Viertel vor 9 vor der Tür der Werkstatt im kalten Nieselregen stand und mir kurz darauf mein Chef die Tür öffnete, ging es plötzlich wieder. Klar war ich immer noch aufgeregt, aber zum Glück hatte ich wenige Monate zuvor noch einmal hier vorbeigeschaut. Das sollte mir auch beim Arbeiten in dieser Woche eine echte emotionale Stütze werden.

Arbeit und Ablenkung

In der Werkstatt ging es dann auch gleich schon richtig los. Ich durfte als erstes, nachdem ich mich ein wenig sortiert hatte, ein Cellogriffbrett, das aus Ebenholz besteht, abziehen, also mit einer leichten Höhlung glatt hobeln und anschließend blitzeblank schleifen. Meine neue Arbeitsdecke erfüllte prima ihren Dienst – und sah danach aus, als wenn ich sie bereits seit Wochen gebraucht und nie gewaschen hätte. :-D In der Ausbildungszeit scherzten wir über diese typische Wartungsarbeit übrigens mit dem Begriff “Schwarzarbeit”. ;-)

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Ich will jetzt gar nicht auf alles im Detail eingehen. Das möchte ich auch aus Gründen der Verschwiegenheit gar nicht, denn viele Instrumente gehören Kunden, die natürlich nicht plötzlich Fotos von ihren Instrumenten im Internet finden wollen. Aber ich durfte auch werkstatteigene Instrumente bearbeiten. Ein Instrument, dass mich nun die nächsten Wochen begleiten wird, ist eine schöne, alte Geige, die vermutlich aus dem Berlin der 1920er stammt. Sie wurde bereits geöffnet, das heißt, dass die sogenannte Decke vorsichtig abgelöst wurde. Damit wird der Blick auf das Innenleben einer Geige frei, denn so ein Instrument, und das gilt auch für Bratschen, Celli oder Kontrabässe ist innen nicht “leer”.

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In ihr befindet sich auf der von vorne betrachtet rechten Seite (Diskantseite, im Foto jetzt links) der sogenannte Stimmstock, auch einfach nur “die Stimme” und auf der linken Seite (Bassseite, im Foto jetzt rechts) der Bassbalken, der bei dieser Geige in unserer Werkstatt schon vorsichtig herausgehobelt wurde, weil er erneuert werden soll. Sie sind beide sehr, sehr wichtig für die Statik und den Klang eines Streichinstruments. Im Laufe der Woche durfte ich dann schließlich auch noch mit dem Einpassen eines neuen Bassbalkens beginnen.

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Fazit

Ja, es fühlt sich noch etwas seltsam an, wieder zurück zu sein. Ich werde sicherlich auch noch öfter Fragen stellen, egal ob es darum geht, dass ich nicht mehr weiß, wo dieses oder jenes Werkzeug seinen Platz hat, oder mich nicht mehr erinnere, wie ich einen Arbeitsschritt gemacht habe. In solchen Momenten schlichen sich diese Woche schon Ängste und Zweifel, ob ich das alles schaffe. Aber es gab auch die Momente, in denen ich an meinem neuen Platz an der Werkbank saß und es sich anfühlte, als wenn ich nie weg gewesen wäre und nie woanders hingehört hätte: einfach richtig! Und das, obwohl ich zwei neue, mir zuvor völlig unbekannte Kolleginnen habe. Das mag aber auch ganz besonders daran liegen, dass ich mich mit beiden auf Anhieb gut verstand. Außerdem hatten wir am Mittwoch Abend die Gelegenheit, als ich mich eigentlich nach Monaten endlich mal wieder mit meiner ehemaligen Kollegin zum Mädelsabend verabredet hatte, uns abseits der Arbeit mal etwas besser kennenzulernen. Denn nachdem wir bereits ein Viertelstunde draußen zu viert vor der Werkstatt in der Kälte stehend gequatscht hatten, kamen sie spontan einfach mit uns beiden mit. :-) Wir hatten einen wirklich sehr schönen Abend, übrigens mein erstes Mal “alleine” Ausgehen seit Jahren!

Life

Dann wäre da ja last but not least auch noch die Leben-Seite in der viel diskutierten “Work-Life-Balance”. Ob ich meine Kinder vermisst habe? Was für eine Frage! Wobei, die ersten zwei Tage war ich abends als ich nach Hause kam zunächst ehrlich gesagt fast erleichtert, dass die beiden immer schon im Bett waren, da ich echt müde war, besonders am Montag. Wie es Murphy so wollte, kam ich gleich am ersten Abend völlig durchgefroren und mit anderthalb Stunden Verspätung zuhause an, weil ich in zwei Streckenvollsperrungen direkt nacheinander auf derselben Strecke, aber an unterschiedlichen Stellen auf Grund von Polizeieinsätzen hineingeraten war. Ein echter “reality check”!
Doch immer am nächsten Morgen war dieses leise, fast undefinierbare Gefühl wieder da: es fehlte etwas. Ich fühlte mich irgendwie plötzlich wie im Abseits. Zum allerersten Mal schoss mir die Erkenntnis durch den Kopf: “Verdammt, so ging es dem Papa Pelz bereits ganz, ganz oft.” Und dann wieder kommt mir alles plötzlich völlig surreal vor, als ob ich nur für ein paar Wochen dort wäre, aber bald wieder alles so sein würde wie zuvor. Kopf und Herz sind also ebenfalls noch nicht ganz im neuen Jetzt und Hier angekommen. Aber wir haben bereits ein Projekt auf unserer Wochenend-To-Do-Liste. Wir werden unser Elternbett zu einem riesigen Familienbett erweitern, damit wir wenigstens nachts ein wenig Familiennähe tanken können. Ich bin gespannt, wie sich die Situation und die Gefühlswelten in den nächsten Wochen weiterentwickeln werden – bei uns allen.

Liebe Grüße,

Eure Anne

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