„Roses Revolution Day“ – Globaler Tag gegen Gewalt in der Geburtshilfe

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Geburt, Kritik, Leben mit Kindern, Zeit für mich

Heute ist der Tag, an dem hunderte Frauen auf der ganzen Welt an die Öffentlichkeit gingen und Gewalt in der Geburtshilfe dort anprangerten, wo sie geschehen ist: an dem Kreißsaal, in dem sie ihr Baby zur Welt gebracht haben. Damit in Zukunft jede Frau mit Respekt und Würde behandelt wird, während sie das größte Wunder überhaupt vollbringt: einem kleinen Menschen Leben schenken! Auch mir wurde bei meiner ersten Geburt Gewalt angetan, und auch ich möchte sie hier und heute beim Namen nennen und euch über meinen ganz persönlichen „Roses Revolution Day“ berichten.

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Eigentlich wollte ich den „Roses Revolution Day“ (zu dem ihr mit einem Klick rechts auf das Bild mehr erfahrt) einfach nur ganz still alleine „feiern“, nur den Kleinen Ajan mitnehmen, oder sogar abends ganz alleine zum Krankenhaus fahren. Feiern, dass ich es trotz widrigster Umstände geschafft habe, mein Kind selbst und sogar ohne PDA auf die Welt zu bringen. Feiern, dass ich bei meiner zweiten Geburt all die schlimmen Erlebnisse ein Stück weit wieder „wett machen“ konnte, da ich ein wahre Traumgeburt erleben durfte. Feiern, dass wir Frauen es uns nicht länger gefallen lassen, dass man uns bei einem der wichtigsten und für immer prägenden Erlebnisse in unserem und im Leben unserer Kinder wie eine Nummer behandelt, sondern dagegen öffentlich aufbegehren. Feiern, dass ich den Mut aufbringe, noch mal ganz bewusst an den Ort zurückzukehren, wo sich all diese für mich traumatischen Erlebnisse in mein Gedächtnis gebrannt haben. Und dann kam es doch anders…

Der Kleine Ajan schlief nämlich den Mittagsschlaf der Gerechten, obwohl ich den Tagesablauf bewusst extra früh getimed hatte und er auch extra früh eingeschlafen war. So konnte ich nicht wie ursprünglich geplant schon am MIttag los, sondern musste erst einmal unsere Große von der Kita abholen. Doch während ich den Kleinen Ajan anzog, arbeitete es in mir.
„Warum eigentlich nicht mit beiden Kindern hinfahren?“
„Ach nee, das ist mit Bahn und Bus und dann auch noch dem Doppelfahrradanhänger als Buggy umgebaut so umständlich und sperrig.“
„Das sagt dir jetzt dein innerer Schweinehund und deine Angst – ja, Angst – alleine mit den Kids und dem großen Wagen unterwegs nicht klarzukommen. Und was sagt dein Herz?“

Und „zack“ war meine Entscheidung gefallen. Ich ging in den Garten und schnitt eine unserer letzten rosa Rosen vom Strauch – eine, die schon etwas Frost abbekommen hatte, aber tapfer weiterblühte und immer noch mit all ihren Makeln wunderschön war. Dann kaufte ich noch ein wenig Proviant für den Nachmittag, holte das Fleischbärchen aus der Kita ab und fuhr mit den Kids direkt zum Bahnhof.

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Was hatten wir ein Glück! Ganz ohne Stress kamen wir gemütlich auf dem Bahnsteig an. Direkt dort, wo wir einsteigen wollten, stand auch schon ein stattlicher Herr, der auf meine Bitte, ob er mir helfen könne, den Wagen über die Stufe in die S-Bahn hochzuheben, gleich „Ja!“ sagte, überhaupt nicht gernervt war, sondern sogar freundlich auf die Kinder einging. Warum hatte ich mir eigentlich so einen Kopf gemacht? ;-) Und dann kam doch tatsächlich an diesem Tag, an dem der Himmel von morgens bis abends nur ein tristes, nieslig trübes Grau in Grau bot, in dem Moment – und nur in diesem einen als ich da auf dem Bahnsteig stand – ein Stückchen blauer Himmel zum Vorschein. Für mich ein Lichtblick in mehrfacher Hinsicht! ♥

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Doch meine Gedanken kreiste kurz darauf wieder um mein Ziel dieses Ausflugs. Als ich am Mittag, als der Kleine Ajan schlief, den erklärenden Brief, den ihr hier nachlesen könnt, geschrieben hatte, um ihn später mit der Rose vor die Kreißsaaltür zu legen, hatte ich bereits wieder einige Tränen vergossen. Jetzt fühlte ich Unsicherheit, aber sonst nichts.

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Auch unser Umstieg und die anschließende Busfahrt verlief wie am Schnürchen. Als wir schließlich an der Haltestelle des Krankenhauses ausstiegen und vor dem mittlerweile fertiggestellten Neubau standen, den ich während der Bauphase schon öfter gesehen hatte, als ich hier in einem Nebengebäude in der zweiten Schwangerschaft zum Yoga gegangen war, schoss es mir plötzlich durch den Sinn: „Wo befindet sich seit dem Neubau denn nun der Kreissaal?“ Ich lief hinauf zu dem alten Gebäudetrackt und dunkle Fensterhöhlen glotzten mich an. Leer! Den Kreißsaal, so wie ich ihn kannte, gab es gar nicht mehr. Ich hatte mit allem gerechnet, aber damit nicht. Sollte ich nun traurig sein, oder vor Freude in die Luft springen? Ich war hin- und hergerissen und erzählte meiner Großen erst einmal, dass sie hier geboren sei, dass wir dort aber nicht mehr hineinkönnten usw.. Reden half, um irgendwie innerlich wieder zur Besinnung zu kommen.

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Ich war schon wieder ein paar Meter vom alten Gebäude zum neuen gelaufen, da kam es mir plötzlich in den Sinn, noch einmal umzukehren. Ich wollte zumindest vor der Eingangstür dieses Gebäudes ein symbolische Foto machen, denn dies ist und bleibt nun mal der Ort, wo sich die Dinge, die ich heute beim Namen nenne, ereignet haben, auch wenn hier niemand mehr anzutreffen war.

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Anschließend lief ich zum neuen Krankenhaus und folgte der Beschilderung „Kreißsaal“ in den ersten Stock. Im Aufzug war sie dann plötzlich da – bäm – Nervosität, Herzklopfen! Was würde mich erwarten? Zunächst einmal eine verschlossene Tür mit dem Hinweis, man möge bitte klingeln. Ich legte noch einmal symbolisch Brief und Rose vor dem neuen Kreißsaal nieder.

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Dann klingelte ich. Mit dem Drücken der Klingen war da schlagartig wieder das Bild, als ich selbst damals mit dickem Bauch vor der Tür des alten Kreißsaals stand und wir klingelten. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Doch dann öffnete eine Frau und fragte, wie sie mir helfen könne. Ich sagte, ich hätte etwas für den Kreißsaal und die Angestellten dort abzugeben. „Einen Brief und diese Rose.“ Ein Leuchten und echte Freude huschte über das Gesicht der Frau. „Oh, vielen Dank, das ist ja lieb! Ich werde es weiterleiten.“ „Scheiße, wenn sie wüsste…“ war das erste, was mir dazu augenblicklich durch den Kopf schoss. Und dann war alles wieder da, all die Emotionen. Als ich mich verabschiedet hatte, die Tür sich schloss und ich den Aufzug betrat, flossen sie doch, die Tränen.

Ich kann jetzt heute Abend, da ich diese Zeilen schreibe, nicht einmal sagen, ob es für mich nun eine Erleichterung war, dort hinzugehen und den Brief abzugeben. In dem Moment war es eher schmerzlich, und auch jetzt habe ich nicht der Gefühl, seelischen Balast abgeworfen zu haben. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass da bei mir schon gar nicht mehr so viel Balast ist, da ich mich selbst sehr intensiv während der zweiten Schwangerschaft mit der ersten Geburt auseinandergesetzt und diese so gut, wie ich das alleine konnte, verarbeitet habe. Ich hatte zwar bisher keine Traumatherapie – die steht bei mir nun nach Schwangerschaft und Stillzeit und Kindern, die aus dem Allergröbsten raus sind, noch an – aber um nicht wieder in dieselben Fallen zu tappen, musste ich zwangsläufig zunächst einmal die Geburt wieder und wieder geistig durchgehen. Schon damals schrieb ich alles haarklein auf, was ich nicht noch einmal erleben wollte und gab diese Notizen beim Anmeldegespräch zur zweiten Geburt auch der Hebamme, die das Gespräch mit mir führte und protokollierte. Es war für mich der richtige Weg. Die vielen Tränen und die ganze Mühe wurde mit einer traumhaften, nahezu schmerzfreien, selbstbestimmten, hebammengeleiteten Wassergeburt ohne unerwünschte Eingriffe belohnt. Das war wie Balsam für meine Seele. Ja, die Narben sind noch da, und ich werde sie vermutlich den Rest meines Lebens mit mir herumtragen, und kratzt man nur fest genug, fangen sie auch wieder an zu bluten, aber ich bin froh und dankbar, dass es keine offenen Wunden mehr sind.

Doch wie verbrachten wir eigentlich noch den Rest dieses für mich ganz besonderen Tages? Wir fuhren noch in Harburger Innenstadt, machten ein paar Einkäufe und schwelgten in Adventsvorfreude. Als ich meine Große dort so stehen sah, vor den sich bewegenden Weihnachtswichteln, die im Einkaufszentrum aufgebaut waren, und als sie auf dem Weihnachtsmarkt anschließend zum allerersten Mal ihre Runden auf dem Karussell drehte, da wurde es mir ganz warm ums Herz. Ich hatte schön öfters auch an ihre Zukunft gedacht. „Sollte sie mal Kinder bekommen, hoffentlich muss sie nicht ähnliches erleben.“ Und dann war es mir plötzlich ganz sonnenklar. Sie wird nicht dasselbe erleben. Die meisten Erfahrungen im Leben muss man zwar selbst machen, um etwas zu lernen, aber diese beiden Geburtserfahrung, die Schlechte und die Gute, sind auch für sie von unschätzbarem Wert. Wenn ich meiner Tochter – und auch meinen Sohn! – eines mit auf den Weg geben möchte, dann den Mut, die Stärke und das Selbstverständnis, dass solche Dinge niemandem – auch nicht der eigenen Person – angetan werden dürfen. Punkt. Ich denke, wenn ich nicht diese unschöne Geburt gehabt hätte, hätte ich nicht wie eine Löwin für eine schmerzfreie und selbstbestimmte zweite Geburt gekämpft. So hatte letztendlich doch alles noch seine gute Seite. Ich bin froh, dass ich die mittlerweile sehen kann und ich wünsche jeder Frau, die jemals eine traumatische Geburt erleben musste, dass sie auch irgendwann wieder die positiven Seiten sieht, denn jede Geburt ist einmalig und ein Wunder.

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Love and peace!

Eure Anne

7 Kommentare

  1. Ich bin wirklich sehr beeindruckt von deiner Entscheidung, diesen Brief zu schreiben, abzugeben und zu veröffentlichen. & ich bin erschüttert von dem, was dir widerfahren ist. Ich hoffe sehr, dass dein Brief im Kreißsaal (und im Internet) die richtigen Leser findet und dass soetwas nie wieder vorkommen wird.

    • Hallo nach Hamburg und herzlichen Dank für deinen Kommentar :-) Ich bin positiv überrascht und berührt, wieviel Zuspruch dieser Beitrag bisher bekam. Damit hätte ich nie gerechnet! Wenn er nur einer einzigen Frau hilft, bei einer Geburt sich gegen Gewalt zu wehren und „Nein!“ zu sagen, dann bin ich mehr als glücklich. Liebe Grüße, Anne

  2. Liebe Anne :)

    Danke für deinen wundervollen Bericht. Ein Satz hallte in mir ganz besonders wider: dass du nur wegen deiner ersten schlimmen Geburtserfahrung die zweite schöne machen konntest. Das war bei mir ganz genauso und mir ist das erst vor kurzem klar geworden.
    Ich finde es toll, dass du so mutig warst!

    Viele liebe Grüße
    Susanne

    • Liebe Susanne, ich habe mich gerade auch mal auf deinem Blog umgesehen und habe den Bericht über deine Traumgeburt gelesen und dir einen Kommentar hinterlassen. Ganz, ganz großartig! Und diese Parallelen! :-D Ich werde langsam das Gefühl nicht los, dass es viele solcher „Phönixfrauen“ gibt, die erst eine traumatische und dann eine traumhafte Geburtserfahrung hatten. Ich hoffe, dass es irgendwann in der westlichen Welt gar nicht mehr nötig ist, erst durch die Hölle zu gehen. Liebe Grüße, Anne

  3. Mir fehlen die Worte um die zu sagen, wie schlimm ich deinen Geburtsbericht finde. Danke im Namen zukünftiger Gebärender, dass du den Brief geschrieben hast. Darf ich fragen, warum du den Kliniknamen nicht nennst?

    • Lieber „Weißer Elefant“, danke für deine Worte. Ich habe den Namen deshalb hier nicht genannt, weil ich mit diesem Artikel nicht eine Klinik oder deren Personal bloßstellen, sondern andere aufklören wollte über die Formen der Gewalt bei Geburten, die erschreckenderweise auch im Jahr 2015 noch oftmals ja als ganz normal angesehen werden. Die Klinik befindet sich in Hamburg. Wer dort selbst auf Geburtskliniksuche ist, kann mir gerne eine Email zukommen lassen. Dann werde ich gerne in direktem Kontakt auch den Namen der Klinik nennen. Alles weitere habe ich bereits auf der Internetseite der „Weißen Liste“ als Klinikbewertung angegeben. ;-) Liebe Grüße, Anne

  4. Liebe Anne,
    dein Geburtsbericht hat mich sehr berührt. Auch, wenn ich bei meinen zwei Geburten großes Glück hatte (bis auf die Nachsorge der Hebamme), kann ich deine Ohnmacht von damals förmlich spüren. Es ist unfassbar, was du alles durchmachen musstest. Deinem letzten Abschnitt kann ich nur beipflichten: Das Personal muss sich trauen, sich „nach oben“ zu wehren und nicht den Arbeits-/Zeitdruck an den Gebärenden auszulassen. Gerade unter der Geburt sind wir Frauen doch sehr verletzlich, verunsichert und völlig auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen. Es ist furchtbar, dass das so ausgenutzt wird, auch wenn es in den meisten Fällen garantiert nicht böswillig passiert. Ich wünsche dir, dass deine Wunden heilen und du später eine einfühlsame Therapeutin findest, die das Ganze mit dir in Ruhe aufarbeitet, damit du deinen Frieden findest.
    Alles, alles Liebe,
    Christine

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