Müssen nur wollen

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Kritik, Leben mit Kindern

Heute stand die U7a-Vorsorgeuntersuchung beim Fleischbärchen an. Das Kind hatte aber schlichtweg keine Lust, irgendwas von den geforderten Aufgaben zu machen. Diese im Raum stehende Erwartungshaltung und die Tatsache, dass auf dem, von den Erziehungsberechtigten auszufüllenden Fragenbogen, der Punkt „Mein Kind gehorcht nicht. –> ja/nein“ anzukreuzen war, bringt mich gerade dezent auf die Palme.

Wieso setzt man Kinder bereits so früh einer Prüfungssituation aus? Nichts anderes war diese Untersuchung. Wenn man sich den Fragebogen zur Sprachentwicklung ansieht, fühlt man sich selbst als Eltern schon zurückkatapultiert in einen schlecht gelüfteten, muffig riechenden Klassenraum mit unbequemen Stühlen und kaugummiverklebten Tischen. Da werden doch ernsthaft Punkte vergeben und ganz unten zu einem Gesamtergebnis, also einer Art Note zusammengerechnet! Und was passiert natürlich auch mir ganz automatisch, wenn ich so einen Fragebogen in der Hand halte? Mich überkommt sofort das Verlangen, alles „richtig“ zu machen. Mit dem nächsten Wimpernschlag realisiere ich dann doch wieder die Situtation. „Verdammt, Hier geht es nicht um mich! Hier geht es um mein gerade mal dreijähriges Kleinkind, das bitte voll und ganz Kind sein dürfen soll.“

Aber kommen wir doch wieder zum Aufhänger dieses Beitrags zurück: Punkt 15 auf dem sogenannten „Mannheimer Fragebogen MEF U7a“. Weshalb spielt „gehorchen“ in dieser „ach so aufgeklärten“ Gesellschaft immer noch eine so große, wenn nicht sogar die größte Rolle in der Kindererziehung? Warum hinterfragen so wenige unser pädagogisches Erbe, das eigentlich – Achtung, Achtung – Gedankengut aus dem 3. Reich ist? Ja, genau das Gedankengut, gegen das diejenigen, die sich nicht „besorgte Bürger“ nennen, sondern Flüchtlinge mit offenen Armen willkommen heißen, sich eigentlich wehren sollten. Eine sehr guten Artikel über diese Überbleibsel der sogenannten „Schwarzen Pädagogik“ findet ihr auf einem meiner Lieblingsblogs „Das gewünschteste Wunschkind“. Was wollen wir für die Zukunft? Stupide funktionierende, nicht nachdenkende, passiv reagierende, der Wirtschaft dienende Menschmaschinen? Oder braucht die Menschheit nicht gerade jetzt, in dieser schwierigen Zeit voller Konflikte, empathische, frei denkende, kreativ gestaltende und vor allem sozialverantwortlich und selbstverantwortlich handelnde Persönlichkeiten? Ich wünsche mir letzteres – von ganzem Herzen!

Ein Punkt, der mir schließlich nur noch einen traurigen, innerlichen Seufzer entlockte, war Nr. 7: „Kann sich schlecht von der Mutter trennen.“ Sollte es heute nicht selbstverständlich sein, das Wort „Mutter“ durch „Bezugsperson“ zu ersetzen? Schließlich gibt es auch Kinder, deren Hauptbezugsperson der Vater, ein Großelternteil oder eine ganz andere Person ist. Es mag sich dabei um eine Minderheit handeln, bei denen die Familienkonstellation so aussieht. Aber ist das ein Grund, sie deswegen bei einer „offiziellen Untersuchung“ gewissermaßen auszugrenzen? Ich finde, nein – zumal der Aufwand, dies zu ändern, nicht mal nennenswert wäre.

 

Nachtigall, ick hör dir trapsen

Doch was hat es überhaupt mit diesem Fragebogen auf sich? In einem Artikel der Ärztezeitung vom 25.10.2011 über einen Streit zwischen Haus- und Jugendärzten bzgl. der Nutzung des MEF heißt es:

„Der Mannheimer Elternfragebogen (MEF) ist ein Anamneseinstrument bei Kindervorsorgen. Der von Professor Günter Esser (Universität Potsdam) entwickelte Bogen ist zugleich verpflichtender Bestandteil von etlichen Selektivverträgen. Das bedeutet: Wer die Kindervorsorge nicht durch den MEF dokumentiert, kann die Leistung auch nicht abrechnen.“

Es geht also mal wieder ums Geld! Und wer kassiert hier? Die Bundesvereinigung für Verhaltenstherapie im Kindes- und Jugendalter (BVKJ). Nun darf man dreimal raten, wer hier im Vorstand sitzt. Genau, Professor Günter Esser! Aber es kommt noch besser. Beim Lesen des folgenden Absatzes aus dem schon zitierten Artikel der Ärztezeitung konnte ich nicht mehr anders. Ich musste laut lachen.

„Wir haben ein Urheberrecht an den Fragebögen, dafür haben wir eine Lizenz bei Professor Esser erworben“, berichtet Hartmann der „Ärzte Zeitung“.

Ach stimmt, der sitzt ja auch bloß zwei Türen weiter. Hört ihr auch die Glocken läuten? Klüngelüngelüng…

Pathologisierung – von der Eizelle bis ins Grab

Dass mir diese von Anfang an erst einmal klinische Betrachtungsweise der natürlichsten Vorgänge in unserem Leben schon länger sauer aufstößt, wisst ihr vermutlich spätestens seit dem Lesen des Berichtes über Fleischbärchens Geburt. In der Schwangerschaft mit dem Kleinen Ajan hatte ich schließlich endlich den Mut und das Selbstvertrauen, einen Schlussstrich unter die mich immer nur noch unsicherer und ängstlicher machenden Vorsorgeuntersuchungen beim Frauenarzt zu ziehen und mich ganz in die Hände meiner Hebamme zu geben, die von da ab die Vorsorge bis zur Geburt und anschließend auch die Nachsorge übernahm.

Versteht mich nicht falsch, ich bin nach wie vor nicht gegen die Vorsorgeuntersuchungen im Kindesalter. Ich finde es gut, dass jedes Kind in Deutschland Anspruch auf kostenlose Checkups hat. Die Frage ist nur, welches Ziel hier verfolgt wird. Es wird oft ritterlich das Argument hochgehalten, dass es hier besonders um Prävention vor Kindesmisshandlung und Vernachlässigung geht. Aber seien wir doch mal ehrlich, gerade mal in 10 Bundesländern werden die Daten – ob oder ob nicht an der Vorsorgeuntersuchung teilgenommen wurde – an die Behörden übermittelt. Und auch das geschieht nur auf freiwilliger Basis, wie überhaupt die gesamte Vorsorgeuntersuchung. Entgegen der landläufigen Meinung ist diese nämlich selbst in den besagten 10 Bundesländern keineswegs Pflicht. Zwar ist „[d]as Jugendamt (…) gesetzlich zum Tätigwerden verpflichtet, muss sich aber darauf beschränken, durch eine Bestandsaufnahme festzustellen, ob Anzeichen für eine Kindeswohlgefährdung vorliegen. Ist dies nicht der Fall, so kann es keine weiteren Schritte unternehmen, um doch an die Information zu gelangen, ob die Untersuchungen wahrgenommen wurden oder nicht.“ (Quelle:  31. Tätigkeitsbericht des Landesbeauftragten für Datenschutz Schleswig-Holstein)

Was mich außerdem massiv stört, ist der Grundgedanke der Vorsorge, Störungen oder Auffälligkeiten zu finden, statt erst einmal von einer gesunden, altersgerechten Entwicklung auszugehen. Das wird ganz besonders bei der Formulierung des MEF deutlich. Weshalb muss man zunächst vom Schlechten ausgehen? Die Entwicklung ist gerade im Kleinkindalter so indiviuell und verläuft mit einer großen Vielfalt und zeitlichen Spannbreite, dass Tabellen dem nicht gerecht werden können, weil sie eben nur tote Statistiken sind und nicht den Einzelfall betrachten. So werden nicht nur Eltern massiv verunsichert, sondern auch Kinder schon früh in eine Schublade gesteckt, aus der es oft schwer ist, wieder herauszukommen. Bis es soweit ist, haben diese Kinder manchmal schon viele Medikamente geschluckt und einen langen Leidensweg der Stigmatisierung hinter sich. Wie oft ist schon voreilig die Diagnose „ADHS“ gestellt worden, obwohl das Kind einfach nur lebhafter als andere war. Natürlich liegt die Verantwortung hier letztendlich bei den Kinder- und Jugendärzten, ich finde jedoch, dass die pathologische Herangehensweise vorschnelle Diagnosen begünstigt, weil man vielleicht auch lieber auf ‚Nummer Sicher‘ gehen möchte.

Nicht um jeden Preis

Zum Schluss möchte ich euch noch einmal von unserer heutigen U7a erzählen. Ich glaube, wir hätten sie uns auch schenken können. Wenn eine Dreijährige keine Lust hat, Formen in dazugehörige Löcher einzuordnen, Holzperlen aufzufädeln, Kreise zu malen, Brücken aus Holzbausteinen zu bauen oder sich 3D-Bilder anzusehen, was macht man da? Klar, man fragt die Eltern. Aber mal ganz ehrlich, die könnten doch auch sonst was erzählen und sich die tollsten Geschichten über die Fähigkeiten ihres Kind ausdenken. Hab ich natürlich nicht gemacht. ;-) Aber soll ich euch was verraten? Kaum hatte die Sprechstundenhilfe den Raum verlassen, zeigte sie ihrem kleinen Bruder, wie man Formen in die dazugehörigen Löcher einsortiert, ließ aber die Holzklötze dabei nicht in das jeweilige Loch fallen, sondern deutete dies nur an und reichte sie anschließend ihrem Bruder, damit dieser die Aufgabe erledigen konnte. Kaum waren wir wieder zuhause, malte sie Kreise und baute Brücken, die weitaus anspruchsvoller waren, als es in der Untersuchung verlangt wurde. Ich glaube, das Kind war tatsächlich einfach nur gelangweilt von diesem „Babyspielzeug“. ;-P Zum Glück sah unsere Kinderärtztin das Ganze relativ entspannt. Einen Haken hatte die Sache dann aber doch noch. Wir haben nun eine Überweisung zum Augenarzt, da nicht klar wurde, ob das Fleischbärchen ein Detail auf einer der 3D-Karten nicht sehen konnte oder nur nicht sehen wollte. Auf meine Frage, wie denn die Untersuchung dann beim Augenarzt ablaufen solle – in einer Praxis, in der sie nie war, mit Personen, die sie überhaupt nicht kennt und bei der wohl auch irgendwelche Tropfen ins Auge getropft werden müssen!! – darauf hatte sie dann auch keine Antwort. Schön, wenn man die Verantwortung einfach an die nächste Instanz und die Eltern abschieben kann.

Und ich habe mir ein Sache geschworen. Sollte mein Kind bei einer Vorsorgeuntersuchung noch einmal sich mit aller Macht und unter Tränen und Schreien dagegen wehren, abgehört oder vom Arzt angefasst zu werden, so werde ich es nicht mehr festhalten. In der Situation war ich leider nicht geistesgegenwärtig genug, um ihr diese völlig unnötige Erfahrung zu ersparen. Es lag ja nicht, wie bei einem Arztbesuch im Krankheitsfall, ein konkreter Verdacht vor, noch hatte das Abhören ihres Herzens und ihrer Lunge bei dem Geschrei irgendeinen Mehrwert für die Vorsorge. Man hätte es tatsächlich auch sein lassen können, weil nichts Verwertbares bei herauskam. Das einzige, was diese Untersuchung völlig unnötig vermittelt hat, war: „Wenn jemand sagt, dass das „sein muss“, dass dich jetzt jemand gegen deinen Willen angefasst, dann musst du dich fügen.“ Mir zerreißt es beim Gedanken daran immer noch das Herz, und ich mache mir große Vorwürfe, dass ich das zugelassen habe. Ja, ich hatte sie zumindest auf meinem Schoß und in meinen Armen. Ich war bei ihr, aber irgendwie war ich trotzdem in dem Moment ganz weit weg.


Wir sind Helden — Müssen Nur Wollen

Liebe Grüße,

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