Aus dem Bauch heraus

Kommentare 22
Kritik, Leben mit Kindern

Auch, wenn wir nach dem heutigen Kita-Gespräch nun wieder ganz am Anfang stehen, ich schwebe grad im 7. Mama-Himmel, denn ich war mir über die Werte, dir mir in unserem Familienleben wichtig sind, noch nie zuvor so sicher, wie an diesem heutigen Abend. Das Betreuungsdilemma ist dadurch kein Stück besser. Wir wissen nun endgültig, dass es in unserer jetzigen Kita keine Möglichkeit gibt, unsere Tochter, die unserer Meinung nach keinen Mittagsschlaf mehr braucht, in einem anderen Raum zu betreuen, als dort, wo ihre Kitafreunde schlafen. Das ist bescheiden, weil es wieder letztendlich zu den Fragen führt: Kita, oder nicht Kita, und kann ich nach der Elternzeit wieder arbeiten gehen, oder nicht? Aber ich bin innerlich trotz allem gelassen und ruhig. Und eine kleine Begebenheit heute Abend war dafür der Anlass, dass ich diese Ruhe und warme Wohligkeit in jeder Faser meines Körpers und im tiefsten Winkel meines Herzens spüren konnte.

Wie es begann

Es gab einen Moment in meinem Leben, da hatte ich genau dieses Gefühl schon einmal und das ist ziemlich genau ein Jahr her: während der Geburt des Kleinen Ajan. Wie ich ja bereits schon hier erzählte, war diese Geburt für mich ein Wirklichkeit gewordener Traum. Ich hatte es geschafft, meinen ganz persönlichen Weg zu finden und mir die für mich passenden Entspannungstechniken aus dem Hypnobirthingbuch herauszupicken und in abgewandelter, individueller Form so anzuwenden, dass ich mit Ausnahme eines Dammrisses eine schmerzfreie Geburt erleben und unseren Sohn selbstbestimmt zur Welt bringen konnte.

Und heute?

Genau so, wie ich mich dabei mit jedem Ausatmen mehr und mehr entspannen konnte, fühlte es sich auch heute Abend an. Und diese Entspanntheit und Gelassenheit übertrug sich innerhalb von Minuten auf den Kleinen Ajan. Als wir heute Abend das Haizimmer betreten hatten, hatte er nur 2 Minuten später einen Schluckauf bekommen und hickste hundemüde vor sich hin, kam aber natürlich nicht zur Ruhe. Nachdem das bei unserem Abendritual übliche anfängliche Umhertragen und anschließendes Liegen auf meiner Brust nichts gebracht hatten, beschloss ich, wieder nach unten ins Wohnzimmer zu gehen und abzuwarten, bis der Schluckauf vorbei war. Dabei musste ich wieder an das heutige Gespräch mit der Kita-Leiterin und den beiden Erzieherinnen unserer Tochter denken.

Ich werde hier nicht das komplette Gespräch wiedergeben, denn eine Zusammenfassung hat der Papa Pelz heute schon gebloggt. Die könnt ihr bei ihm gerne nachlesen. Eine Sache ist mir aber ganz besonders im Gedächtnis geblieben. Das Gespräch kam irgendwann zu dem Punkt, an dem es nicht mehr nur um die Kita, sondern auch um Erziehungsgrundsätze bei uns zuhause ging. Nein, die Leiterin redete uns nicht herein, wie wir unsere Kinder zu erziehen hätte. Das war in diesem Moment auch keine Kita-Leiterin mehr, die da sprach. Das war eine Mutter, die uns ihre eigenen Erfahrungen mitteilte, die selbst Kind ihrer eigenen Erziehung ist, und all das zusammengenommen, kann ich sie gut verstehen. Trotzdem teile ich nicht ihre Ansicht, dass eine Ausnahme im Tagesablauf auf keinen Fall eine Ausnahme im Ablauf des Abendrituals mit sich bringen, sondern alles so ablaufen solle, wie das jeden Abend der Fall sei. (Im Gespräch ging es als ganz konkretes Beispiel um Besuch gestern bei uns zuhause, und die damit verbundene Aufregung bei den Kindern.)

Ausgerechnet heute Abend bot sich wieder so eine Ausnahmesituation, allerdings von viel trivialerer Natur: ein Schluckauf. Er hinderte den Kleinen Ajan am Einschlafen. Ich probierte es erst mal in aller Ruhe mit dem üblichen Einschlafablauf, denn ich erinnerte mich, dass er als ganz kleines Baby teils sogar trotz Schluckauf eingeschlafen war. Doch nach 5 Minuten merkte, nein, fühlte ich: “Das wird nix!” Auch, wenn mir in dem Moment die aus ihrer Sicht gut gemeinten Worte der Kita-Leiterin einfielen, ich war mir plötzlich so hundertprozent sicher, dass ich in dieser Situation und auch in den anderen, vorherigen Ausnahmesituationen für unser persönlich genau richtig handelte, wenn ich ab einem gewissen Punkt abbrach und das Kind erst einmal wieder mit ins Wohnzimmer nahm.
Wie die Episode heute dann ausging? Während der Kleine Ajan auf Papas Arm war, aß ich mein Restbrötchen vom Abendbrot noch auf. Fünf Minuten später war der Schluckauf weg. Weitere 10 Minuten später schlief der Kleine Ajan in seinem Bettchen.

Das Leben ist kein Ritual

Und auch, wenn ich jetzt in diesem Augenblick, wo ich diese Zeile schreibe, nicht wie eigentlich geplant oder erhofft am Laptop sitze, sondern auf meinem Handy eine Notiz tippe, während der Kleine Ajan nach dem bereits 2. Mal Aufwachen seit dem Ins-Bett-Bringen auf mir liegend schlummert – so what? Rituale sind gut und schön, solange wir immer die gleichen Bedingungen für diese Abläufe bieten können. Können wir das als Eltern nicht, weil wir zum Bespiel Besuch eingeladen haben, oder weil wir abends noch einmal mit der ganzen Familie zum Elterngespräch in der Kita waren und dadurch das Kind aufgedreht ist, oder weil ein doofer Schluckauf dazwischen kam, dann wäre es regelrecht vermessen, das Abendritual trotz vermeintlichem(!) Widerstand von Seiten des Kindes durchzuziehen. Denn nicht das Kind ist die Partei, die in dieser Konstellation, die Bedingungen nicht einhält, wir sind es oder aber äußere Umstände, auf die wir keinen Einfluss haben. Wir haben den Besuch eingeladen, wir wollten ein Gespräch in der Kita führen und der Schluckauf kam einfach so. Die Verantwortung dafür liegt bei uns, nicht beim Kind. Also können wir auch nicht erwarten, dass das Kind sich um jeden Preis den veränderten Rahmenbedingungen anzupassen hat. Wir haben schließlich den von uns unterbreiteten “Vertrag” in Form eines Rituals gebrochen bzw. ausgesetzt. Und dass Kinder so gut sie nur können kooperieren, habe ich sowohl gestern Abend beim Fleischbärchen, als auch heute Abend beim Kleinen Ajan gemerkt. Beide Kinder waren wirklich müde und wollten schlafen. Sie waren aber einfach nicht in der Lage dazu. Das Fleischbärchen war aufgeregt auf Grund des Besuchs und der Kleine Ajan war vom Schluckauf geplagt.

Wie können wir etwas von Kindern erwarten, dass kein anderer von uns selbst verlangen würde? Kinder sind keine Erwachsenen. Für viele Entscheidungen fehlt ihnen einfach noch die Erfahrung, die sie selbst noch machen müssen und der Blick auf die Folgen ihres Handelns in der Zukunft, denn noch leben sie ganz im Hier und Jetzt. Das ist der Punkt, wo wir noch die Verantwortung übernehmen müssen, bis sie selbst dazu in der Lage sind, was in gewissen Bereichen auch bei unseren Kindern gar nicht mehr so lange dauern wird. Aber bis dahin gilt auch für uns: Verantwortung übernehmen mit allen daraus resultierenden Konsequenzen. Ich erlebe es hier gerade jeden Tag aufs Neue, dass sich Jesper Juul nicht irrte, als er feststellte, dass Kinder nie ohne Grund sich verweigern, etwas zu tun, was sie gerade sollten, oder, wie man sagt, “gehorsam” zu sein. Es gibt immer einen triftigen Grund. Manchmal lassen sich diese Gründe nicht herausfinden, manchmal auch einfach nicht ändern, aber dann müssen wir das Beste daraus machen, nicht unsere Kinder!

Schritt für Schritt

Seit Wochen und Monaten dachte ich, es müsse sich endlich etwas bei uns verändern, ich müsse an mir arbeiten, auch jetzt in der Zeit, nachdem ich schon Juul gelesen hatte. Ich fühlte mich, als wüsste ich endlich, wohin ich möchte, aber da war dieser unglaublich hohe Berg. Dabei hat die Veränderung schon längst begonnen. Ich bin mittendrin, statt nur dabei. Als ich heute so da lag, mit dem Kleinen Ajan auf meiner Brust, stellte ich plötzlich fest, dass ich auf unserem bzw. meinem neuen und doch irgendwie uralten, schon immer in mir schlummernden Weg bereits viel weiter gekommen bin, als ich es vermutet hatte. Ich hab es gar nicht gemerkt. Innerlich hat sich bei mir schon so unglaublich viel getan, dass ich beim Gedanken daran heut echt über mich selbst staunte – und das sag ich ganz ehrlich mit einer gehörigen Portion Stolz. Doch das Wichtigste ist, zu wissen und verinnerlicht zu haben, dass dieser Weg, diese Arbeit an mir selbst, nicht enden wird, solange ich lebe, dass ich davor aber auch keine Angst haben brauche, solange ich meinem Bauchgefühl, meinem Herzen folge. Da fällt mir abschließend ein schönes Zitat aus “Momo” von Michael Ende ein:

“Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man.“

Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin, dann fuhr er fort: „Und dann fängt man an, sich zu beeilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedes Mal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst, und zum Schluss ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen.“

Er dachte einige Zeit nach. Dann sprach er weiter: „Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten.“ Wieder hielt er inne und überlegte, ehe er hinzufügte: „Dann macht es Freude; das ist wichtig, dann macht man seine Sache gut. Und so soll es sein.“

Und abermals nach einer langen Pause fuhr er fort: „Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste.“
Er nickte vor sich hin und sagte abschließend: „Das ist wichtig.“

– Beppo Straßenkehrer

Liebe Grüße,

Eure Anne

P.S.: Danke Jesper – von ganzem Herzen!

22 Kommentare

  1. So schön!!! Ich freue mich, dass Du das entdeckt hast. Es hat für mich auch so viel damit zu tun, anerzogenes abzustreifen und mein echtes Bauchgefühl freizulegen. Dann spüre ich oft, dass es da war, ich es aber nicht verstehen konnte. Leider stolpere ich auch immer mal wieder über eigenen tiefe Baustellen, die ich noch gar nicht ganz erfassen kann. Aber wie Du auch sagst: “Doch das Wichtigste ist, zu wissen und verinnerlicht zu haben, dass dieser Weg, diese Arbeit an mir selbst, nicht enden wird, solange ich lebe, dass ich davor aber auch keine Angst haben brauche, solange ich meinem Bauchgefühl, meinem Herzen folge.”

    Und ich liebe Momo <3

  2. Ich habe gerade beim Lesen in der S-Bahn die Arme freudig hochgerissen, als du schriebst, du bist mit Kleiner Ajan wieder rausgegangen, weil er wegen des Schluckaufs nicht schlafen konnten, und habe, Shaws “Pygmalion” zitierend, gerufen: ‘Mein Gott, jetzt hat sie’s!’ .

    Eventuell sah ich dabei etwas bescheuert aus. Aber egal. Ich freue mich so! Ja, Teuerste, DAS ist bedürfnisorientierte Erziehung.

    Liebe Grüße, snowqueen

Kommentar verfassen