Strohhalm

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Depriphase, Leben mit Kindern

Der Tag, auf den ich zwei Wochen mit großer (An)Spannung gewartet hatte, neigt sich dem Ende. Seit langem ist es endlich mal wieder einer, an dem ich positiv und sogar wirklich mit neuer Energie auf das Morgen blicke.

Es ist schon erstaunlich, welche Kräfte man immer wieder mobilisiert, selbst, wenn man seit Wochen und Monaten immer wieder an dem Punkt war, an dem man dachte: “Es geht einfach nicht mehr. Ich breche unter der Last zusammen.” Irgendwie schafft man es trotzdem, sich immer wieder neue Energie aus dem Nichts zu ziehen, einen Strohhalm zu finden, mit dem man seine Akkus wieder laden kann. Normalerweise sind das Kleinigkeiten, die da schon ausreichen, wenn sie nur regelmäßig genug vorkommen: ein entspannendes Bad in der Badewanne, ein Spaziergang in der Natur, eine Tafel Schokolade, die Lieblingsfernsehserie… o.ä. Bei mir half das aber seit Monaten nicht mehr. Nicht einmal ein seit der Geburt des Kleinen Ajan endlich mal wieder gegönnter Friseurbesuch oder gar eine vom Papa Pelz zum Geburtstag geschenkter und schließlich endlich eingelöster Gutschein für eine Thaimassage brachten den ersehnten “Erholungseffekt”. In meinem Kopf schwirrten unaufhörlich dieselben Gedanken und wuchsen zu immer größeren Monstern heran. Doch heute – heute habe ich endlich einen Strohhalm gefunden. Wir hatten einen Termin in der Elternschule Süderelbe.

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Wie es dazu kam…

Am 7. August kontaktierte ich die Beratungsstelle zunächst per Email und schilderte unsere derzeitige Situation. (Ich habe nachträglich für euch Links zu den ensprechenden Beiträgen eingefügt, sofern ich darüber bereits ausführlich gebloggt habe.)

Betreff: Bitte um ein persönliches Gespräch

Sehr geehrte Damen und Herren,

nach einem Besuch bei der Kinderärztin und der “Weitervermittlung” an ihre Beratungsstelle, wende mich an sie, da mein Mann und ich uns schon seit geraumer Zeit Sorgen um unsere Tochter machen. Bereits einige Wochen nach der Geburt schrie sie jeden Abend teils Stunden lang und war nicht zu trösten. Organische Ursachen wurden ausgeschlossen. Wir konnte ihr nicht helfen, außer einfach nur bei ihr zu sein, sie zu tragen und ihr Liebe und Nähe zu schenken.
Mittlerweile ist sie zu einem sehr, sehr aufmerksamen Kleinkind herangewachsen, das alles Wissen um sie herum wie ein Schwamm aufsaugt und wiedergibt (Singen, Gedichte usw.). Im November wird sie drei Jahre alt. Doch das abendliche Einschlafen ist immer noch eine große Geduldsprobe. Schreien und der Versuch der Selbstverletzung (–> sich selbst Beißen) gehören fast schon zum zuvor sonst sehr ruhig und liebevoll ablaufenden Abendritual. Das nagt inzwischen nicht nur an unseren elterlichen Kräften, sondern hält auch den kleinen Bruder (im September ein Jahr alt) vom Ein- bzw. Weiterschlafen ab und belastet damit inzwischen die gesamte Familie.
Außerdem stehen wir vor dem ebenfalls sehr belastenden Problem, dass sie willentlich bis zu einer Woche Stuhl einhält. Sie ist damit bereits in ärztlicher Behandlung und bekommt ein Medikament, dass den Stuhl weich hält. Trotzdem ist jeder Stuhlgang verbunden mit vielen, vielen Tränen und Schreien, dem tagelanges Unwohlsein und verständlicherweise auch extreme Stimmungsschwankungen vorausgehen.

Es fällt mir offen gesagt schwer, dies zu schreiben, aber wir wissen selbst nicht mehr weiter. Für eine Antwort und ein Beratungsgespräch wäre ich ihnen sehr dankbar. Gerne können sie mich auch telefonisch kontaktieren: (…)

Mit freundlichen Grüßen,
Anne Pelz

Eine schon am Telefon sympathisch wirkende Dame rief mich schließlich zurück und wir vereinbarten nach einem kleinen “Vorabgespräch” einen Termin. Der Papa Pelz und der Kleine Ajan waren mit dabei. Das Fleischbärchen war heute den ersten Tag nach 3 Wochen Ferien wieder in der Kita. Das war auch so geplant, denn die diplomierte Sozialpädagogin wollte erst einmal nur ganz offen mit uns Eltern sprechen können, ohne, dass unsere Tochter womöglich mitbekommt, dass wir über sie reden.

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Murphy lässt schön grüßen

“Natürlich” lief nicht alles wie geplant. ;-) Wir waren zuerst am falschen Standort. Die Elternschule Süderelbe gibt es nämlich einmal in Neugraben und einmal in Fischbek. Pünktlich um halb 9 standen wir an der falschen Adresse auf der Matte und musste dann erst einmal wieder zu Fuß zurück zum Bahnhof laufen (sehr praktisch, wenn der Mann sich gerade erst vorgestern den Zeh angebrochen hat), auf die S-Bahn warten, eine Station wieder zurückfahren und zum anderen Standort laufen, der zum Glück aber nicht weit entfernt vom Bahnhof war.

Doch als wir dann endlich eine Dreiviertelstunde später als geplant (ich hasse es, zu Terminen zu spät zu erscheinen) dort klingelten, war trotzdem noch Zeit, um sich dem Gespräch zu widmen. Ich quaselte wie ein Wasserfall. Wir begannen ganz von vorn, also mit der Schwangerschaft. Ich erzählte ihr ausführlich von der traumatischen Geburt, von der ersten Zeit mit ihr als Schreibaby, davon, dass sie von Anfang an ein “On/Off-Kind” war und ist und entweder alle Eindrücke, alles Wissen um sie herum aufsaugt wie ein Schwamm, oder eben schläft, dass der Übergang, das “Abschalten”, sich selbst Regulieren jedoch genau der Knackpunkt ist.

Alles auf Anfang?

Ich kann mich jetzt nicht an alles im Detail erinnern und möchte heute Abend darüber auch nicht mehr bloggen, aber das Wichtigste ist, dass ich mit einem sehr positiven Eindruck aus diesem ersten Gespräch gegangen bin. Ich habe tatsächlich wieder Mut. Ich hatte sogar soviel Mut, dass ich mich heute direkt in die Gartenarbeit gestürzt habe, nachdem der Papa Pelz am Nachmittag das Fleischbärchen aus der Kita abgeholt und wir gemeinsam Eis essen und auf den Spielplatz gegangen waren. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich nun endlich mal wieder eine Weile eine Gang runterschalten kann, da der Papa Pelz ja nun einen Monat Elternzeit hat. Aber wisst ihr was, eigentlich ist mir auch völlig egal, an was es liegt. Ich merke, dass es mir gut tut und den ersten Tag seit mindestens 2 Wochen auch endlich mal wieder gut geht und ich mich wieder ganz still und leise über Banalitäten und v.a. über meine Kinder freuen kann. Es ist, als ob sich gerade ein dunkler Schleier hebt.

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Liebe Grüße,

e670c-eureanne

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  1. Ich freue mich so sehr, das zu lesen! Ich wünsche euch von Herzen, dass die Beratung euch allen weiterhin Kraft gibt und eine Lösung, auf welche Art auch immer, für eure Situation.

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