Ein Brief an mein zukünftiges Ich

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Kritik, Leben mit Kindern, Zeit für mich

Liebe Anne,

du ständig grübelndes, entweder prokrastinierendes oder aber “immer alles” richtig machen wollendes, innerlich irgendwie nicht rasten könnendes Wesen: setz dich! Atme tief durch, halte einen Moment inne und höre mir – deinem früheren Ich – bitte gut zu.

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Es ist der 01. August 2015. Erinnerst du dich, über was du gestern Abend auf dem Weg vom Bahnhof nach Hause mit dem Papa Pelz gesprochen hast und was du dir vornahmst? Du hast dich gefragt, wie du wohl in 5, 10, 20 oder 30 Jahren deinen Kindern begegnen wirst. Und wenn du das hier in 5, 10, 20 oder 30 Jahren noch einmal lesen solltest – und ich lege dir diese Lektüre wirklich ans Herz – dann versuche bitte, dich daran zu erinnern. Nicht an die Worte, sondern an das, was du in diesem Moment gefühlt hast, ganz tief in dir drin.

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Ja, du machst es dir nicht einfach, wenn es um die Kindererziehung geht. Kritiker meinen sogar, du machst es dir “alles viel zu kompliziert”. ;-) Mit dem Wort “Erziehung” und dicht gefolgt vom Begriff “Trotzphase” fängt es schon an: du kannst sie nicht ausstehen.

Am liebsten würdest du nie Fehler machen, weißt aber natürlich auch, dass das nicht geht, und genau das wurmt dich um so mehr. Bitte, liebe Anne – gesteh es dir ab und an ganz bewusst ein, und zwar ohne eine schlechtes Gewissen zu haben: keiner schafft es, jemals perfekt zu sein – schon gar nicht im Umgang mit den eigenen Kindern.

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Deine Kinder brauchen keine Supermama und erst recht keinen lebenden Bhudda. Welch einen Druck bürdest du ihnen damit auf, wenn sie sehen, dass Mama so streng mit sich selbst ist, denn Kinder ahmen schließlich ihr Umfeld nach. Sie brauchen eine liebevolle Mama aus Fleisch und Blut, von der sie lernen können, dass Fehler machen, wütend oder traurig sein und all die anderen vermeintlich “unschönen” Seiten und Dinge des Lebens einfach zum Leben dazu gehören und man sich davon nie unterkriegen lassen sollte. Im Gegenteil: jede vergossene Träne, jeder Sturz, jede Beule, jede blutige Nase, jede Enttäuschung sagt dir: “Steh auf und versuch’s einfach noch mal! Nur Mut, denn du schaffst das!” Wenn du also eine Träne vergießt, stürzt, dir eine Beule oder eine blutige Nase holst, deine Kinder das mitbekommen und du erst vor Scham innehalten und deine Gefühle verbergen möchtest, dann erinnere dich an diesen Brief: Rede mit deinen Kindern. Erkläre ihnen, weshalb du gerade weinst und was dir weh tut. Vielleicht verstehen sie es noch nicht. Aber irgendwann werden sie dir dankbar dafür sein.

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Und ja, auch deine Kinder werden irgendwann erwachsen werden. Vielleicht bekommen sie auch selbst Kinder und machen dich zur Großmutter. Vielleicht werden sie aber auch bewusst kinderlos bleiben wollen. Vielleicht kommt auch alles ganz anders. Wie auch immer sie sich entscheiden, und was auch immer du von dieser Entscheidung persönlich hältst, respektiere sie! “Mama” muss nicht alles gut heißen. Aber sie sollte eine Meinung einfach mal stehen lassen können. “Mama” muss auch nicht alles kommentieren oder ungefragt beratschlagen. Es werden Zeiten kommen, da möchtest du vielleicht gerne wieder Mama spielen, Verantwortung für deine Kinder übernehmen, ihnen doch einfach nur helfen, dabei sind sie “schon selber groß”. Es werden Dinge geschehen, die dir nicht gefallen, wo du gerne eingreifen möchtest, bevor etwas augenscheinlich Schlimmes passiert. Deine Kinder werden ihren Weg gehen. Hab Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten. Hab Vertrauen in das, was DU ihnen mit auf ihren Lebensweg gegeben hast, in dieser kurzen Zeit, in der du sie an die Hand nehmen und begleiten durftest. Oder fragst du dich wieder, ob du überhaupt gut genug für sie warst und bist? Wie sagte der Papa Pelz schon so oft: “Du bist die beste Mama, die deine Kinder haben können!” Ja, an diesem Tag im Sommer 2015 hattest du den Satz noch nicht so richtig verinnerlicht oder gar verstanden. Wie geht es dir jetzt damit?

Wenn das Teufelchen auf deiner Schulter mal wieder stacheln sollte: “Aber andere schaffen es doch viel besser! Wieso du nicht?” Dann hör auf das Engelchen: “Weil du eben DU bist.”

 

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Dennoch – bleibe so feinfühlig wie du bist. Vertraue immer auf deinen Mutterinstinkt, der dich ganz besonders in den ersten Monaten nach den Geburten der Kinder so unglaublich sicher geleitet hat. Höre auf ihn und lass dich nicht beirren. Sei und bleibe du selbst. Begegne aber deinen Kindern stets auf Augenhöhe, so wie du es dir vorgenommen hast, egal ob sie 3 oder 30 Jahre alt sind. Sie sind und bleiben Persönlichkeiten – Menschen mit verletzlichem Herz und unantastbarer Würde.

Mark my words.

Anne

 

Inspiriert durch die aktuelle Blogparade “Mein Brief an mich” auf dem Hebammenblog von Jana Friedrich, kam mir der Gedanke: Was wäre, wenn ich nicht noch mal die Zeit zurückdrehen, sondern mich an mein zukünftiges Ich wenden könnte. Das Schöne daran ist: ich kann es tatsächlich. Ich hoffe, dass ich diesen Brief in ein paar Jahren oder Jahrzehnten noch einmal durchlesen werde. Und ich bin sehr gespannt, wie dann meine Sicht auf diese Worte aussehen wird.

Liebe Grüße,

e670c-eureanne

11 Kommentare

  1. Genau so.

    Ich habe vor einer Woche wegen Dauerschlepperei der Großen, einhändig, meinen Arm so überlastet, dass ich nicht mal mehr das Baby länger als ne halbe Minute tragen konnte. Passend dazu ist die Tagesmutter 2 Tage ausgefallen. Beide Kinder zu Hause, beide nur ätzend drauf, und ich hab sie tausendmal angeherrscht: Ich kann dich nicht auf den Arm nehmen! Es geht einfach nicht! Mein Arm fällt ab! Die Tage waren so krass, dass beide Male mein Mann früher heimkommen musste, weil ich physisch und psychisch am Ende war und am liebsten nur noch um mich geschlagen hätte.

    Drei Tage später fragt mich die Große, die im Moment echt krass Autonomiephasen-mäßig drauf ist: Gehts deinem Arm besser, Mama?

    Das zur Ermutigung, nicht perfekt sein zu müssen.

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