1000 Scherben Glück

Kommentare 0
Depriphase, Leben mit Kindern, Stillzeit

Mein Mutterherz seufzt leise leidend. Das ist es also, das Ende der Stillzeit mit dem kleinen Ajan. In drei Tagen wird er 8 Monate und ich hatte doch solch euphorische Pläne.

Das Fleischbaerchen hatte ich 13 Monate gestillt – eine Stillzeit mit nicht gerade schönen ersten vier Monaten, in denen wir versuchten, die bittere Suppe auszulöffeln, die uns die Kinderkrankenschwestern im Geburtskrankenhaus eingebrockt hatten. Beim zweiten Kind sollte alles anders laufen. Ich wusste nun worauf ich achten musste, wählte ein babyfreundliches Krankenhaus als Ort der Geburt und ließ mir nicht mehr hineinreden, sondern vertraute auf meinen Mutterinstikt, so wie ich das beim 1. Kind auch hätte tun sollen. Zwar bekam ich trotzdem sehr schmerzhafte, rissige Brustwarzen, aber ich biss tapfer die Zähne zusammen. Ich wusste ja, wofür ich das alles in Kauf nahm, und ich hatte immer vor Augen dass die schöne Phase nicht mehr lange auf sich warten lassen würde. Nach dann doch wieder langen 6 Wochen wurde es schließlich besser. Die Wunden heilten und ich versorgte mein Baby ausschließlich mit einem Teil von mir – für mich immer noch ein Naturwunder!

Doch dann kam Fleischbaerchens Kitaeingewöhnung und etwa 4 Wochen später ging unsere winterliche Lazarettphase los. Angina, Magen-Darm, grippale Infekte, Mittelohr-, Neben- und Stirnhöhlenvereiterung – ich nahm alles (teils mehrfach) mit und war auf diese Weise den kompletten Winter dauerkrank. Trotzdem stillte ich weiter und der bei der Geburt ranke und schlanke Kleine Ajan mauserte sich zu einem richtig properen Kerlchen.
Nun muss ich sagen, dass ich von klein auf schon nie die properste Gestalt war. Ich krebste immer so an der Grenze zum Untergewicht und rang um jedes Pfund. Mein Problem war nie, Pfunde loszuwerden, sondern zu behalten oder gar auf die Rippen zu bekommen. Wie toll war es da, dass ich in der 1. Schwangerschaft 30 kg zunahm (davon allerdings zum Schluss 10kg Wasser) und in der zweiten 20kg. Ich sah wirklich endlich mal richtig gesund aus und fühlte mich wie ein rassiges Vollweib, eine Fruchtbarkeitsgöttin ;-) Doch schon nach der ersten Schwangerschaft hatte ich nach wenigen Monaten wieder mein Ausgangsgewicht erreicht. Und auch beim Kleinen Ajan lief es nicht anders. Innerhalb weniger Wochen waren die ersten 10kg trotz guter Fütterung und Rundumbetreuung durch meinen Mann wieder runter. Die nächsten 10 folgten „dank“ Dauerkranksein dann im Laufe des Winters. Vor 2 Wochen stellte ich mich endlich mal wieder auf die Waage und bekam einen Schock. So konnte es nicht weitergehen. Heidi Klum und Kate Moss wären zwar vermutlich stolz auf mich, aber ich fühlte mich ausgemergelt und überhaupt nicht mehr schön und attraktiv.

Inzwischen hatte der Kleine Ajan allerdings schon fleißig begonnen, Brei zu essen. Ich nahm seine freudige Aufgeschlossenheit gegenüber pürierter Nahrung dankbar an. Das entlastete mich schon deutlich, auch wenn von einigen Seiten gleich die fast schon anklagende Nachfrage kam: „Warum gibst du denn Brei und nicht Fingerfood?“ (Stichwort „baby led weaning“) Er bekommt durchaus auch mal Fingerfood – das nur am Rande und ohne mich hier rechtfertigen zu wollen oder gar zu müssen ;-) – aber inzwischen futterte er 3 volle Breimahlzeiten und das Stillen hatte sich auf morgens, abends und nachts reduziert.

Nachts… das war das nächste Stichwort. Die Nächte waren immer noch der Horror. Ich hatte nicht den Anspruch, dass ein Baby nachts schläft, schon gar nicht mehr beim zweiten Kind. Seit Geburt hatte der Kleine Ajan nicht einmal eine Nacht offiziell durchgeschlafen (also 5h am Stück). Wenn wir auf 3 Stunden kamen, war das schon das höchste der Gefühle. Er wollte stattdessen alle 1-2h gestillt werden. Dabei ging es ihm auch tatsächlich nicht ums Nuckeln, sondern er trank jedes Mal. Dazu die fortwährenden Krankheiten, dann auch noch der tägliche Weg zur Kita, wenn ich mal wieder nicht mehr völlig flach lag (1/2h pro Strecke, vier Mal am Tag mit dem Kleinen Ajan in der Babytrage und dem Fleischbaerchen im Buggy). Wenn ich schon nicht zunehmen konnte, wollte ich einfach nur endlich mal wieder ein paar Stunden pro Nacht am Stück schlafen, auch wenn mir klar war, dass Durchschlafen in den meisten Fällen nichts mit Hunger zu tun hat. Beim Kleinen Ajan ahnte ich aber, dass er nicht zu „den meisten Fällen“ gehörte.

 

An dem Morgen, als der erschrockene Blick auf die Waage fiel, fiel bei mir die Entscheidung: Zufüttern – mit dem vollen, schmerzlichen Bewusstsein, dass ich damit in Nullkommanix abstillen würde. Ich fütterte von da an erst einmal die eingeforenen Muttermilchvorräte und kaufte noch am selben Tag eine Packung Flaschennahrung. Seit etwa 2 Wochen stille ich nun noch morgens, oder besser gesagt, ich biete es an. Ich hatte mir „für mein Ego“ vorgenommen, die 8 Monate Stillen noch „voll“ zu bekommen. Doch mit rapide schwindender Milchmenge, schwand auch Klein Ajans Interesse. Heute morgen wurde schließlich nur noch kurz genuckelt und dann ohne mit der Wimper zu zucken fröhlich die Welt erkundet. Ich war regelrecht beleidigt. Eine Viertelstunde später erinnerte er sich wieder an den Hunger und die morgendliche Flasche wurde gierig getrunken. Vor einer Woche wäre dabei noch jedes Mal dieses verdammte Gefühl angekrochen gekommen, „ersetzt“ worden zu sein. Mittlerweile ist es nur noch eine leise innere Abneigung: ich tue etwas, dass ich eigentlich immer noch nicht will, aber ich weiß und sehe, dass es, so wie es jetzt ist, gut für mein Kind ist. Und das ist doch eigentlich alles, was zählt, oder?

Ich bin wohl einfach ein undankbares Stück. Ich hadere weiter mit der Beraubung meiner liebsten Mutter“pflicht“. Ich wollte dem Kleinen Ajan doch mindestens dasselbe bieten, was ich dem Fleischbaerchen schon zukommen ließ. Hätte ich es gekonnt und hätte er es gewollte, ich wäre wohl ein dieser von vielen schief beäugten Langzeitstillerin geworden. Ja, ich sollte dankbar sein, dass ich überhaupt trotz aller widrigen Umstände auf 8 Monate Stillzeit zurückblicken kann. Doch all diese Kommentare von Freunden, Bekannten und Familienangehörigen, die aufmunternd gemeint sind, regen mich manchmal trotzdem auf. Da fällt mir zum Schluss noch ein Zitat ein, das es für mich persönlich auf den Punkt bringt:

Liebe Grüße,

 

Kommentar verfassen