Pontius, Pilatus und das “Durchmüssen”

Kommentare 0
Krankenbett, Kritik, Schwangerschaft

Sie tragen keine Waffen. Sie sind eigentlich sogar extrem harmoniebedürftig. Sie wollen doch einfach nur Hilfe. Trotzdem scheinen sie eine ganze Berufsgruppe in Angst und Schrecken zu versetzen, sobald sie auftauchen: Schwangere. Die Berufsgruppe? – Ärzte.

Es ist schon echt traurig, dass mein erster Blogpost nach so langer Pause nur auf Grund eines besch… Tages zustande kommt. Aber ich muss es einfach loswerden, weil ich es immer noch nicht fassen kann. Und weil ich das dumpfe Gefühl habe, dass ich nicht die Einzige bin.

Wie sich ja hier und da sicher schon herumgesprochen hat: ich bin zum 2. Mal schwanger und schiebe nun auch schon eine ganz ordentliche Kugel vor mir her. ;-) Mitte September ist es so weit. Dann sind wir zu viert. Der weniger erfreuliche Teil ist, dass mich zur Zeit teils wirklich heftige Rückenschmerzen im unteren Rücken plagen. Nachdem ich nun schon 2 Wochen mit Kirschkernkissen selbst herumgedoktert habe und mein Mann mich allabendlich massiert (natürlich mit vorheriger Einweisung meiner Hebamme) war heute morgen schließlich dann doch die Schmerzgrenze so weit erreicht, dass ich beschloss: ich muss zum Orthopäden – zu dem mich meine Hebamme im Übrigen sowieso schon geschickt hatte!

Doch bevor ich mich darum kümmern konnte, musste ich aber erst einmal bei der Krankenkasse anrufen und fragen, wo denn meine neue Karte bleibt, die ich vor 4 Wochen beantragt hatte. Meine alte, die auch noch keine Gesundheitskarte mit Foto war und die sowieso bald abgelaufen wäre, habe ich leider unauffindbar verlegt. Nachdem ich 3X nach jeweils 2 Minuten Warteschleife aus der Leitung geworfen wurde, klappte es dann doch endlich. Antwort der sichtlich unmotivierten Dame am anderen Ende der Leitung: “6 Wochen kann das schon dauern!” Die Frage nach Orthopäden in meiner Nähe, die sich mit Schwangeren auskennen, erübrigte sich auch. Danach könne sie in ihrem System nicht suchen. Also ließ ich mir zumindest noch alle “anderen” Orthopäden samt Telefonnummer und Adresse raussuchen, die für mich erreichbar sind, die ich aber zuvor eigentlich auch alle selbst schon im Internet ausfindig gemacht hatte. Egal. Die eigentliche Telefoniererei konnte beginnen. Zu diesem Zeitpunkt war meine 19 Monate alte Tochter allerdings schon alles andere als zufrieden mit der morgendlichen Situation. Die Telefonnummer der letzten Arztpraxis konnte ich vor lauter Geschrei auch nach der 3. Wiederholung nicht mehr verstehen. Wir verlagerten das Ganze auf die Terrasse. Der Ortswechsel versprach wenigstens kurzfristig etwas Linderung und Mama konnte weiter telefonieren.

 

1. Praxis: Urlaub.
2. Praxis: “Wir nehmen keine Patienten mehr an.”
3. Praxis: geht nach 10 min immer noch keiner als Telefon.
4. Praxis: Nach 3 Versuchen komme ich endlich durch, erkläre meine Beschwerden und sage, dass ich schwanger bin und auch ein Kleinkind “im Schlepptau” habe.
“Sind sie Privatpatient?”
“Nein. Gesetzlich versichert.”
“Wie lang haben sie die Beschwerden schon?”
“2 Wochen.”
“Ok. Moment bitte. Ich schau mal nach einem Termin. — Am 13.8. hätte ich noch was frei.”
“Das ist erst in über 2 Wochen. Dann steh ich ja schon kurz vor dem Geburtstermin! Und was soll ich bis dahin machen? Ich habe jetzt Schmerzen!”
“Na was erwarten sie denn? Wir sind eine orthopädische Praxis. Einen früheren Termin werden sie sonst auch nirgendwo bekommen.”
Ich hab ihn gezwungenermaßen erst mal eintragen lassen. Besser den Spatz in der Hand…

 

Dann versuchte ich es noch mal bei Praxis Nr. 3. Und sie da: endlich ein Lebenszeichen UND ich könne, wenn ich mich beeile, sofort vorbei kommen. Sie hätten noch bis 11 Uhr, also eine Viertelstunde, Sprechzeit. Verwundertes Kind in Windeseile eingepackt, die nötigsten Sachen zusammengekramt, noch mal zur Toilette und los – zu Fuß (wir haben kein Auto) und damit auch unter Schmerzen, aber egal. Es winkte ja Linderung und es war praktischerweise auch die einzige Praxis direkt in unserem Ort!

 

Um 11 war ich da. Praxis brechend voll! Schlangestehen im Hechtsuppendurchzug – echt schlau bei Schmerzpatienten.
Als ich dran war, erklärte ich gleich die Situation mit der Versichertenkarte.
“Dann haben wir jetzt ein Problem. Wir können sie ohne Versicherungsnachweis nicht behandeln. Ich glaube ihnen die Geschichte, aber sie müssen das verstehen. Da könnte ja jeder kommen.” Schließlich sollte ich mit meinem Handy bei meiner Geschäftsstelle anrufen und sagen, dass sie den Nachweis in die Praxis faxen. Ich war bereits sowas von genervt. Extra abgehetzt und dann so ein Theater! Wieder Telefonieren. Nachdem ich beim 1. Mal nach 2 Minuten wieder aus der Leitungs flog, weil keiner ans Telefon ging, war mir das Glück doch noch hold. “Das kann aber 20min dauern, bis ich zum Faxen komme.”
Wieder zurück in der Praxis. Ich käme auf die Warteliste, sobald das Fax da sei. Ich fragte, wie lang ich denn dann noch warten müsse? “Mit 30-45 Minuten müssen sie schon rechnen.” “Es ist halb 12 und ich habe ein totmüdes Kleinkind dabei, das dringend ins Bett muss. Das geht nicht!”
Zack – da war der Punkt erreicht. Die blöden Schwangerschaftshormone und der vorausgegangene Vormittagsstress hatten gesiegt und die Rückenschmerzen mich vollends weich gekocht. Ich konnte nicht mehr und brach direkt am Empfang in Tränen aus. Ich sagte mit bebender Stimme, dass ich dann wohl leider direkt wieder nach Hause gehen müsse. Die Sprechstundenhilfe fragte mich, was ich mir denn vorgestellt habe? Das sei schließlich eine Sprechzeit ohne Termine. Ich meinte, dass ich genau deshalb extra angerufen hätte, und gesagt habe, dass ich mit Kleinkind kommen muss, und dass mir gesagt wurde, dass ich sofort vorbeikommen solle. Von langen Wartezeiten sei keine Rede gewesen. Es wurde nur gesagt, dass noch bis 11 Uhr Sprechzeit sei. “Wir sind ihnen hier wirklich schon sehr entgegen gekommen. Sie kommen ohne Karte und…” Ich fiel ihr unter Tränen ins Wort und stammelte irgendetwas wie “Tut mir Leid, aber es geht so leider trotzdem nicht…” Dann bin ich rausgegangen und hab mich erst mal vor der Praxis im Flur auf einen Stuhl gesetzt, geheult und meinem Mann eine Nachricht geschickt. Plötzlich kam eine ältere Dame auf mich zu und meinte in einem sehr freundlichen, sanften Ton: “Ach je, das tut mir so Leid für sie. Versuchen sie es doch noch mal. Wäre doch schade, wenn sie jetzt unverrichteter Dinge wieder nach Hause gehen und noch mal wiederkommen müssen. Vielleicht hält ihre Tochter ja noch etwas durch. Und die Dame am Empfang ist doch auch nur ein Mensch und nimmt sie bestimmt ein bisschen früher dran.” Und wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Engel her. Ja, sie hatte Recht. Noch war Emilia zwar ein totmüdes, aber pflegeleichtes Kind. Ich rappelte mich noch einmal auf, ging wieder rein, sagte am Empfang Bescheid (“Achso, jetzt doch?”) und setzte mich zu den anderen, die alle etwas betreten drein schauten.

 

Ich hatte mich gerade gesetzt, da kam eine Rollstuhlfahrerin vorbei und wollte durch den schmalen Durchgang, wo alle Wartenden saßen. Ein Wartezimmer in dem Sinne gab es nämlich nicht. Unser Kinderwagen stand im Weg. Ich versuchte ihn irgendwie zur Seite zu schieben und erwischte dabei ausgerechnet den dick geschwollenen Fuß meiner Sitznachbarin. Ich entschuldigte mich und war schon wieder vor lauter Scham einem erneuten Tränenausbruch nahe. Doch der Wagen stand immer noch im Weg. Der Rollstuhl (samt hochgelagertem Gipsbein der Fahrerin) blockierten nun auch noch zusätzlich meinen Weg. Und wie könnte es an diesem Tag anders sein: ich fahre natürlich der Dame erneut über den Fuß! Ich wäre am liebsten im Erdboden versunken und brach dann tatsächlich wieder in Tränen aus. Mir tat das soooo Leid. Ich entschuldigte mich mehrfach. Aber zum Glück war sie mir nicht böse. Als ich dann endlich wieder saß und Emilia auch noch alle Register zog, was das “Niedlich und brav sein” betraf – habe ich schon mal erwähnt, dass ich meine Tochter sooo unglaublich doll liebe – bot sie uns sogar Gummibärchen an.

 

Während ich mit meiner Tochter wartete und mit ihr die zum Glück noch schnell in die Wickeltasche geworfenen Bilderbücher anschaute, bekam ich zufällig ein Telefonat der Sprechstundenhilfe mit. Ein Satz blieb mir besonders im Gedächtnis: “Ich habe leider nur noch dann einen Termin frei. Wenn sie nicht bereit sind während ihrer Arbeitszeit hier herzukommen, dann scheint ihnen ihre Arbeit wohl wichtiger zu sein, als ihre Gesundheit.”

 

Um 10 nach 12 wurde ich schließlich aufgerufen. Als die Ärztin nach weiteren 5 min in den Behandlungsraum kam, schilderte ich die Situation. Ich sagte, dass die Schmerzen ganz zu Beginn der Schwangerschaft meiner Meinung typische Ischiasbeschwerden gewesen seien. Die vergingen aber wieder. Aber nun strahle es nicht mehr so richtig ins Bein. Ich sagte, dass ich nicht wisse, ob es der Ischiasnerv oder “einfach nur” die Lendenwirbelsäule sei. Sie sagte, dass Rückenbeschwerden im unteren Rücken schwangerschaftstypisch seien, weil sich alles lockere. Das wolle man für die Geburt ja auch so. Machen könne man da nicht viel. Wärme, Paracetamol. Manuelle Therapie sei in der Schwangerschaft schwierig und andere Schmerzmittel seien sowieso tabu. “Ja, aber irgendwie muss ich die letzten Wochen doch noch überstehen.” Am liebsten hätte ich dabei mit der Faust auf den Tisch gehauen. Und dann kam dieser berühmte Satz: “Tja, ich fürchte, da müssen sie jetzt einfach durch.” Pause. “Nee, nee, so einfach gebe ich jetzt nicht kleinbei.” dachte ich. Es konnte doch nun nicht ihr Ernst sein, dass meine Tochter und ich diesen ganzen sch… Vormittag auf uns genommen hatten, nur um nach 5 Minuten ohne auch nur irgendeine Untersuchung und damit auch ohne Diagnose wieder aus der Praxis geschickt zu werden!?
“Und was ist mit Taping? Das bieten sie hier laut ihrer Website doch an, oder?” “Ja, das kann schon helfen. Muss aber nicht.” Pause. “Ja gut, aber machen können sie das, oder?” fragte ich. “Ja. Die Kosten von 15€ müssten sie allerdings privat tragen. Soll ich das dann jetzt machen?” “Ja, bitte!”
Ich fasse den Rest kurz zusammen. Sie tapte mich. Ohne vorherige Untersuchung. Ich hatte soooo einen Hals, als ich mich, nachdem ich die 15€ gezahlt hatte, auf den Heimweg machte.

 

Die eigentliche Quittung aber zahlte Emilia. Sie kam 1 1/2 Stunden später ins Bett, als gewohnt, wachte aber zur selben Zeit wieder auf, wie sonst auch – schreiend und natürlich immer noch völlig übermüdet. Wir kuschelten den Nachmittag viel, aber die Augenringe am frühen Abend sprachen Bände, und so ging es extra 1/2h früher ins Bett als sonst. Wie ich sie kenne, werden wir davon aber vermutlich die kommenden 2 Tage noch was haben. So gut das für ein Kind ist, wenn es einen festen Rhytmus hat – und darauf legen mein Mann und ich nun mal sehr viel Wert – so unpraktisch ist es, wenn mal was Außerplanmäßiges passiert.

 

Ich werde nun mal versuchen, innerlich wieder etwas zur Ruhe zu kommen, nachdem ich das alles los geworden bin.

 

Gute Nacht, ihr Lieben und liebe Grüße,
Eure Änny

 

PS: Hab ich eigentlich schon mal erwähnt, dass mein Frauenarzt mich vor ein paar Wochen erpresst hat? Aber das ist eine andere Geschichte… vielleicht werde ich die auch noch irgendwann los. Für heute reichts mit dem Aufregen.

Kommentar verfassen